Eigentlich die Schwester des Vielleicht

Es ist ein beliebter Spaß: „Eigentlich ist das ja schon ein schönes Kleid!“ Prompt lautet die Gegenfrage: „Und uneigentlich?“ Das Uneigentliche ist der Gegenpol des absoluten Pols und kann weit ausdifferenziert sein. Eigentlich bedeutet: Es gibt ein Aber. Doch wir erfahren mit dem Wort ‚eigentlich‘ nicht, was es denn ist, dieses Aber. Die Farbe? Die Größe? Die Passform? Der Ablass? Das Muster? Das Wörtchen weist in die Dimension des Gegenteils, das es nicht gibt. Der zweite Pol existiert nicht.

Das gilt für viele abstrakte Begriffe genauso wie für alltägliche Betrachtungen eines Kleides. Es gibt keinen Gegenpol zur Liebe, denn Hass ist etwas anderes. Viele Menschen kennen keinen Hass, weil sie allen unangenehmen Menschen aus dem Weg gehen. Sie weichen ihnen aus. Wenn jene dennoch das Gespräch wünschen, bleibt man wortkarg, man beschränkt sich auf ein Ja oder ein Nein oder fragt zurück. Der Gegenpol zur Liebe liegt im Uneigentlichen, der Gegenpol des Hasses auch. Sie sind eigenständige Pole, ihr Gegenpol ist eine Vielfalt.

Auch wenn eigentlich und vielleicht Verwandte sind, wollen wir ‚eigentlich‘ aus unseren Betrachtungen ausschließen. Denn das Eigentliche wurde bereits von großen Philosophen bemüht, und besonders verständlich schreibende Philosophen wie Adorno und Benjamin warfen dem Erfinder des Eigentlichen Heidegger einen „Jargon der Eigentlichkeit“ vor und die Tatsache, dass er verständliche deutsche Wörter zu deutschen Fremdwörtern macht. Da wollen wir uns nicht einmischen und schlicht und einfach beim Vielleicht verharren.

Christian

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