Vielleicht. Der zweite Tag.

Es ist nicht leicht das Vielleicht zu denken. Es ist anders als nur das Ungewisse. Mit dem Ungewissen stehen wir eindeutig dem Sicheren gegenüber, und schon stecken wir im Reich der Gegenpole wie wahr und falsch, arm und reich. Das Vielleicht ist ein Dazwischen. Wenn wir uns zwischen den Polen arm und reich bewegen,dann stehen wir in einem Reich der Vielfalt an Armut. Die absolut Armen haben nicht einmal Wasser, die absolut Reichen haben die Macht auch darüber, wer Wasser bekommt oder nicht. Relativ Reiche nun versuchen die absolute Armut zu lindern, indem sie manchen absolut Armen Brunnen bauen, die mit kostenfreier Solarenergie betrieben werden. Auch sie üben also Macht aus und wählen diejenigen aus, die sie aus ihrer absoluten Armut erlösen.

Arm und reich sind Pole, die Menschen sich mit ihrem sozialen Gefüge geschaffen haben. Bei den Polen arm und reich können wir Sätze bilden wie: Auf dieser Welt besitzen die 85 reichsten Menschen so viel wie 3,5 Milliarden der Ärmsten. Die anderen 3,5 Milliarden leben dann im Vielleicht, das wir relative Armut oder relativen Reichtum nennen. Wenn wir zwischen den Relativen dann noch nationale oder regionale Grenzen ziehen. Der relative Reichtum in dem einen Gebiet wird zur relativen Armut in einem anderen. Das Gebiet zu wechseln ist schwierig, denn die Gebiete sind gleichzeitig die Reviere der im Gebiet relativ Reichen. Die relativ reichen sind damit beschäftigt, ihren Abstieg in die relative Armut zu verhindern.

Es gibt nun auch Pole, die Menschen sich bewusst machen, zum Beispiel schwarz und weiß. Sie sind weitaus schwieriger zu definieren. Bei Weißen wechselt die Hautfarbe sehr schnell in die Klänge des Schwarzen. Zwar werden sie nie die Tiefe des absoluten Schwarz erreichen, aber endet die Zone des absolut Weißen dort, wo das Sonnenlicht die Blöße des Weißen am meisten verdunkelt? Blonde Weiße brechen immer wieder auf, ihre Weißheit mit der Abstammungskunde zu belegen. Ja sie verfolgen ihr unergründliches Geblüte bis ins Mittelalter zurück. Aber nicht einmal das kann ihre absoluten Anspruch, weiß zu sein, eindeutlig belegen. Zu dürftig ist die Beweislage, dass die Menschheit zweimal entstanden sei, einmal schwarz und im ewig grünen Urwald und ein andermal weiß im ewigen Schnee des blonden Christengotts. Und so adaptierte dann das weiße Christentum sein mittelaterlich Kastenwesen vom nicht ganz so weißen Glauben der indischen Arier.

Es ist gleichgültig, mit welcher Eigenschaft wir die Bipolarität unseres Denkens beleuchten: Die meisten von uns leben im Vielleicht, also zwischen den Polen. Trotzdem lassen wir nicht ab, andere mit den Pfeilen richtig und falsch abzuwerfen. Die einen tun’s mit Tadel, andere mit tödlicher Munition.

Christian

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