Der Verlust des ‚Vielleicht‘

Auf Sylt ist Silvesterknallerei verboten. Dort brannte von 26 Jahren ein Reet gedecktes Haus, und das ist böse. In der Lübecker Gehstraße ist ein Knaller in der Fußgängerzone unter einem Kinderwagen hochgegangen. Das ist auch böse, aber in Lübeck ist die Knallerei erlaubt. Ist das gut? Vielleicht!

Obwohl: Das Vielleicht ist uns verloren gegangen. Vermutlich schon vor vielen hundert Jahren. Seitdem regiert die Weisheit von Richtig oder Falsch, Gut oder Böse, Grau oder Bunt, ein Drittes, das Vielleicht, wird ausgeschlossen. Die Zweiteilung der Welt gilt als wahr wie die Tatsache, dass der Apfel auf den Boden fällt. Sie ist so sicher wie die Tatsache, dass das Klima in die Katastrofe führt. Das gilt jedenfalls für uns Menschen. Mein Kater sieht das anders. Wenn er zusammengerollt auf meinen Socken zu schlafen scheint, lauert er auf sein Vielleicht. Möglichwerweise setzt sich ja ein zweibeiniger Riese auf einen Sessel; auf den kann er aufspringen und sich in eine angenehme Körpertemperatur kuscheln. In seiner Welt gibt es zwischen kaltem Boden und Erwärmung des Klimas das Vielleicht eines warmen Schoßes, ganz ohne jede Katastrofe. Es sei denn, draußen wird geböllert, dann kauert er sich unter einen Stuhl.

Wer hat das Vielleicht von uns genommen? Seit Adorno kennen wir die absoluteste Negation des Dazwischen, denn es gäbe kein richtiges Leben im falschen. Das Absolute liegt in der Rechtschreibung, denn wäre das Falsche groß geschrieben, dann bedeutete es das Falsche an sich. Wenn es dann nirgendwo ein Richtiges gibt, muss man falsch leben oder gar nicht. Ohne amtliche Rechtschreibung könnten wir das locker sehen, aber ihretwegen haben uns die Mantelsäcke dieser Welt von Kindesbeinen auf ‚richtig‘ und ‚falsch‘ gedrillt. Die Aufklärung hatte uns zuvor einmal vom Absolutismus befreit. Da durften wir anders denken als es die jeweiligen Götter unserer Fürsten wollten. Überdies öffnete sie die Türen für jedermensch, auch naturwissenschaftlich zu forschen und zu denken, und beraubte die Kreationisten ihrer exklusiven Rechte. Dieses Recht ist uns profanen Besitzlosen zwar geblieben, aber schwups weist uns Gott Adorno in die Schranken des Richtigen.

Wie rigoros das Richtige uns vom Falschen trennt, erlebte Kollegin Antje, die einen Job in einem öffentlich-rechtlichen Sender bekam. Ihre freie Mitarbeit musste sie in den ausweispflichtigen Schranken des Senders verrichten. Dort bekam sie einen Schreibtisch in einem Büro zugewiesen, dem eine breitschultrige Festangestellte vorsaß. Die Freie Antje saß schon drin, als die Feste ihre Schultern ins Zimmer schob. Als sie Antje erblickte, grüßte sie mit „Schon falsch!“, stampfte zum Tageskalender und befahl:“Als erstes den Kalender abreißen!“ Und erst danach die Stunden. Dazwischen gibt es kein Vielleicht. Wir beginnen das Neue Jahr mit der Suche nach dem Vielleicht, denn womöglich finden wir es wieder, das Leben im vielleicht Möglichen.

Christian

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