Das weiß hier* jeder – in Meldorf

Kunstwerke in Meldorf from Kri Stern on Vimeo.

Als Text:

 

Stiftet neue Kunstwerke für Meldorf

„Das weiß hier jeder!“ lautet eines der Gesetze, die der Neue häufig hört. Hier, das ist die kleine Stadt auf dem Lande. Jeder, das sind all diejenigen, die immer schon hier gehockt haben. Wo die Gehstraße ist, das weiß hier jeder. Mit dem Auto querpfad über die Gehstraße hinweg nageln? Das tut hier keiner! Da braucht man kein Schild, das den Fremden zur Vorsicht mahnt. – Das weiß hier jeder? Das tut hier keiner? Sind das mitten im preußischen Militärerprobungsgebiet Schleswig-Holstein kleine leise Anflüge des Janteloven, dem skandinavischen Gehörtsichpolitischsoundüberhaupt?

Jeder kann nicht alles wissen. Der Neue hatte von den vielen schönen Kunstwerken im Stadtbild gesprochen und erntete fragende Blicke. Meinte er die Kirche hier? Nein, gegenüber von dem Haus, das C.F.Hansen gebaut hat, da steht doch so eine faszinierende Statue. C.F.Hansen? Ach so, der Neue meinte das vermutlich älteste noch bestehende Stampflehmhaus! Wegen des Superlativs wurde entschieden, den Stampflehm zu betonen. Das weiß hier jeder. Klassizismus wäre ja auch zu modern inmitten all der Heimatromantik. Und C.F.Hansens dänische Architektur gibt es schließlich auch in Altona.

Gegenüber? Was meinte der Neue mit der Eleganz des Gedenkens? Ach so: Schwinghammers Heimkehrer. Trotzdem versuchte es der Neue noch einmal. Er fragte, wer die stählerne zweifarbige Schattenhülle von Dieter Koswig gestiftet habe. Der Neue schämte sich: wieder die Fragezeichen in jeders unhörbarer Sprechblase. Schattenhülle? Koswig? Wo denn? Neben dem Landesmuseum liegt sie. Es sieht sie vielleicht nicht gleich jeder, aber doch ist sie da.

Eines sieht denn aber wirklich jeder. Aufklärer Carsten Niebuhr schaut gelassen von der Kirche weg. Am Landschreiber- und Justizratshaus vorbei blickt er auf den Markt, dorthin wo freitags Fisch und Käse gehandelt werden. Landvogt Heinrich Christian Boie wartet noch auf eine schöne Büste. Als Hainbundgründer und Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs hätte er’s verdient. Aufklärung will halt nicht jeder. Trotz alledem haben sich hier noch weitere Kunstwerke ihren Platz erobert.

Übersehen kann sie keiner: die Zugvögel auf einer Wiese am Speicherkoog. Aber den Namen der Künstlerin nennen? Nicht auf Anhieb. Fritzi (Friedegard) Metzger war’s, sie schweißte die charismatischen sommersonnig leuchtenden Vögel. Der flötende Junge vor dem Gymnasium kommt am besten in Herbst und Winter zur Geltung. Im Sommer wird Karlheinz Gödtkes lasziv unchristliche Anmut ein bisschen vom verhüllenden Laub gekitzelt. Honi soit qui mal y pense. Die Meldorfer Bildhauerin Dora Maaßen ließ das Mädchen vor der Gemeinschaftsschule deutlich züchtiger lesen und gebeugt in ihren zur Vogeltränke gefalteten Schoß blicken. Da fällt kein Laub hinein.

Mehr Anstoß als sie erregt der Stein vor dem Rathaus, der sich auf ein nicht besitzbares Gestell stützt. Der Burger Johannes Michler rief mit dieser Arbeit Apelle an die gesunde Vernunft wach. Solch Werke seien als Gespinste kranker Hirne zu entlarven, so schrieb ein Leser der Zeitung! Kunst bewegt. Denn jeder hier weiß: Die Kunst ist eine Unart, dass es eine Art hat. Einen Titel auf einem Schild, das den Fremden vor den Steinen warnt, das braucht hier keiner.

Steine haben besonderes Gewicht, die Eiszeit brachte sie aus Schweden. Wo immer ein Findling auftaucht, wird ihm ein Ehrenplatz zuteil. Die Steine vor dem Brunnen auf dem Markt haben keine Bedeutung. Sie liegen vor einem Brunnen, der schon lange nicht mehr brunnt. Mit einer Inschrift geböte ein solcher Stein Gedenken. In der Marschkammer und im Speicherkoog vor Nordermeldorf melden zwei Steine die glücklich beendete Flurbereinigung. Manchmal ist auf einem vom Frieden zu lesen, zu dem die Toten mahnen. Solch klare Worte meißelte der Marner Paul Heinrich Gnekow. Dank dem Meister, der auch für den neuen Deich vorm Speicherkoog das Meer in Stein haute.

Gunter Demnigs Stolpersteine am Südermarkt 2 und in der Marschstraße 37 messen nur ein Viertel Fuß. Sie erinnern an den Kellermeister Friedrich Jansen und an den Matrosen Johann Wilhelm Jasper. Um das einundzwanzigfache vergrößert betreten wir hingegen die Meldorfer Fibel. Sechs sechs Fuß große Grabplatten sind in die Fußgängerzone eingelassen, um achteinhalb Zentimeter Schmuckstück zu ehren. Ihre Inschrift VIKI steht unter germanenromantischem Runenverdacht. Am Markt flaggt sie als Un-Koons-Werk in güldenem Plastik vom geteerten Baumstamm, kann nur maskottchengleich gekrönet werden von dem Lehm stampfenden Mädchen Viki in rotem, offenem, von der Spange gehaltenem Gewande.

Zurück vom Gold zum Eisen. Ganz neu ist ein neuer Koswig. Kaum war die neue Bürgermeisterin im Amt, stand das Modell seiner Zeitreise in ihrem Büro. Jetzt stehen die zum Symbol der Zeit klug verschlungenen Kreise auf dem Kreisel, der das über die Bahn springende Auto in die Stadt verteilt. Was wir tun, damit das Kunstwerk auch dort bleiben kann, das weiß hier jeder. Oder etwa nicht?

Alle Beiträge der Serie ‚Meldorf für Einsteiger‘:

  1. Meldorf für Einsteiger
  2. Echt klein Meldorf
  3. Ist Schier. Jetzt ist er hier.
  4. Boyens Zeitung lesen in Meldorf
  5. Das weiß hier* jeder – in Meldorf
  6. Die Kirche im Dorf
  7. Boyens Zeitung lesen in Meldorf
  8. Moin ist mehr

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