Ist schier. Jetzt ist er hier.

Irgendwann trifft es jeden Fremden in Dithmarschen: „Ist nicht schier!“, schallt ihm entgegen. Der Fremde wird’s nicht gleich verstehen. Aber bald. Eine kurze Erklärung, seit wann mir das Wort Angst macht:

„Also ich komm‘ ja aus Neubrandenburg. Ja, die Stadt mit den vier Toren. Ich war da Fahrer vom Chef. Spirituosenfabrik, nicht wahr. Da war nichts mit Stasi, ich war ja nur Fahrer. (Schmunzeln) Sag mal die grauhaarige Frau wohnt nicht mehr bei Euch? Gar nicht mehr? Seid aber nicht im Streit? Ja, wir haben’s gut gehabt damals. Ich hab‘ alles gehabt. Rouladen, Radeberger. Alles. Immer mit nach Berlin, da in den großen Hotels gewohnt. Während die Sitzung gemacht haben. Alles mitgekriegt. (Seitenblick vor das Haus.) Da auf dem Gehweg wächst ja auch alles. Nicht schier.“

Wir haben eine gemeinsame Herkunft.
Wir haben eine gemeinsame Herkunft.

Das war das erste Mal, das mir ein kalter Schauer den Rücken runter lief. Der Gehweg ist nicht schier, es wächst Gras. Das darf nicht sein. Dort wo die Wohnungsbaugesellschaft ihren strategischen Leerstand verfallen lässt, wäre das erlaubt. Aber wehe, bei dir ist‘ nicht schier. Dann gibt’s einen Brief vom Bauamt. Vorausgesetzt ein Nachbar beschwert sich. Und der Nachbar geht zwei Mal im Jahr mit dem Flammenwerfer auf alles los, was im Boden lebt. Danach ist schier. Ein Satz, der kein anderes Subjekt braucht, der Zustand schier ist Subjekt genug. Der Satz lautet: „Ist schier!“ Oder „Ist alles schier!“ Alles ist dann kein Subjekt, sondern Adverb zum Zeichen des Vollständigen.

Für den Fremden ist dieser Satz erst einmal nicht verständlich. In dem kleinen Wort ’schier‘ steckt das gesamte Gesetz des ruralen Raums skandinavischer Provenienz. Schon in der Bemerkung ‚ist nicht schier‘, steckt das Urteil, das mit Naserümpfen nicht unter siebzehn Zentimetern geahndet wird. Wer sich’s zu Herzen nimmt, wird Borderliner, depressiv oder hat zumindest schlaflose Nächte. Bis er wie ein Besessener auf der Straße kriecht und das Kopfsteinpflaster schier kratzt, flämmt oder spritzt. Im Zweifelsfalle hilft auch zu mähen getreu dem Motto: „Ich hab‘ ja nichts gegen Bart, aber gepflegt muss er sein.“ So wie bei Barbarossa, Kaiser Wilhelm oder Adolf, aber nicht wie beim Juden Marx von Trier.

„Schier“ hinterfragt man nicht, das ist einfach. Es seint sozusagen. Und wenn es nicht ist, dann ist es nicht. Das weiß hier jeder. Und wer es nicht weiß, der ist nicht hier. Darüber wacht der Dom. Das alles kann leicht ertragen, wer nicht vor Göttern zu Kreuze kriecht. Man darf drüber schmunzeln, schreiben, sogar lästern. Aber es muss früher ein Problem für die Leute gewesen sein. Da gibt es Geschichten. Du musstest einfach gehen. Wiederkommen zwecklos. Wie früher in der DDR. Da nützte ein Seitenblick.

„Also nee, nee, nee, ich war nicht bei der Stasi. Mein Nachbar war Schlachter, der hat da im Gefängnis das mit dem Wassertauchen gemacht, nicht wahr. Der hatte ’ne Tochter. Die hat mit den beschlagnahmten Westautos die Männer auf dem Transit aufgerissen. War ja hübsch. Haben sie alle zugestimmt, wenn sie sagte, die DDR wäre scheiße. Und beim nächsten Parkplatz ging’s raus.“ Bei dem Mann ist alles in Ordnung. Ist schier!

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Christian

6 Gedanken zu “Ist schier. Jetzt ist er hier.

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