Die Kunst des Schreibens

Die Kunst zu schreiben ist zunächst einmal keine Kunst. Wir lernen es bereits in der ersten Klasse: „Der Hund bellt.“ Dafür müssen wir Deutschen nur sieben Mitlaute und zwei von fünf Selbstlauten kennen. Das Y ist kein Selbstlaut, obwohl es genauso klingt wie das U mit zwei Töddeln. Damit das jeder versteht, gibt es eine Lautschrift ü sprich: [y]. Sobald diese ganze kulturtechnische Unlogik in die Köpfe kleiner Kinder gebimst ist, hören viele auf zu denken. Andere diagnostizieren Schreibschwäche, denn siehe: Germanisten sind normal und sorgen für moderne Krankheitsbilder. Das nützt dem Wachstum. Schreiben ist also keine Kunst, sondern eine Kulturtechnik, die von preußischen Obristen in Form geprügelt wurde.

Die meisten können nach der Schule schreiben, aber sie können oder wollen Geschriebenes nicht verstehen. Das ist die Schreibschwächenverweigerung, gegen die es noch keine Therapie gibt. Machen Sie den Test: Schreiben Sie einen einfachen Text auf, der ganz offensichtlich der Wahrheit entspricht. „Der Hund von Frau Meier hat heute von 11:30 Uhr bis 12:10 Uhr gebellt.“ Gehen Sie zu Ihrem Nachbarn und fragen Sie: „Herr Nachbar, verstehen Sie diesen Text?“ Er wird ja sagen. „Herr Nachbar, stimmt dieser Text?“ Er bejaht. „Würden Sie diesen Text bitte unterschreiben?“ Er wird den Kopf schütteln und ablehnen: „Das unterschreibe ich nciht. Nachher kommt irgend so ein Jurist und unterstellt mir, ich hätte Frau Meiers Hund vernachlässigt, und ich werde wegen Tierquälerei verklagt.“

Sie sehen mit dieser kleinen Anekdote die Grundfrage des Schreibens. Ein Text hat auch dann, wenn ihn der Leser richtig versteht, eine andere Bedeutung als geschrieben steht. Schreiben Sie unter ihren Text jetzt: „Herr Nachbar unterschreibt diese Aussage nicht, denn Juristen interpretieren Straftaten in den Satz hinein.“  Geben Sie das Papier nicht aus der Hand, lassen es Ihren Nachbarn dennoch lesen. Schweiß tritt auf seine Stirn. Er stammelt: „Das, das, das habe ich nicht. Jujujuristen – äh streichen Sie das, äh …“ Jetzt wird Ihr Nachbar versuchen, das Papier an sich zu reißen. Er wird handgreiflich.

Laufen Sie jetzt bitte nicht fort, bleiben Sie gelassen! Der Text war einfach, er ist gespeichert, lassen Sie Ihren Nachbarn den Text zerreißen. Er braucht diese Therapie, mit der er den Schreiberling in Ihnen mit der Weigerung des Verstehens auch körperlich straft. Es ist sein gutes Recht, denn … siehe oben! Lieben Sie Ihren Nachbarn für diese Tat, denn er hat Ihnen die Grundlage des Schreibens bildlich vor Augen geführt. Denn Sie wissen ja, dass die meisten Menschen meinen, in Bildern zu denken. Deshalb müssen sie Texte zerreißen, eine andere Therapie der Schreibschwächenverweigerung ist noch nicht erfunden. Und das ist gut so! Stellen Sie sich vor, es kommt irgend ein abgebrochener Psychologe, gibt sich als Therapeut aus und macht Sie glauben, dass er eine Therapie gegen Verständnisverweigerung gefunden habe.

Ich distanziere mich von diesem Text.

Christian

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