Meldorf für Einsteiger

Was Du vor Deinem ersten Besuch über Meldorf wissen musst

Himmelreich
Heider Himmelreich

Viele Städte konkurrieren hart mit ihrer Widersacherin. In Lübeck solle die Reisende nie das Wort Kiel in den Mund nehmen, schreibt ein Reiseführer. Oder in Lübeck und Hamburg kennt man die Redensart: „Ich bin doch kein Bremer!“ Und in der Tat: Es gibt Wörter, die bezeichnen zum Beispiel den Bestandteil eines Schiffes, aber keine Stadt. Und es gibt einen besonders kargen Landschaftstyp, der reich an Schafen ist. So viel Mühe sich die Menschen geben möchten: Aus einem kargen Landschaftstyp wird nie eine schöne Stadt. In Meldorf bedauert man diejenigen Zeitgenossen, die sich gezwungen sehen, in einer Stadt dieses Namens Quartier zu beziehen. Die Menschen feiern dort barbarische Bräuche, wie das Quälen eines Hahns. Sehen Sie sich die Wohnzimmerdecke in der dortigen Hauptkirche an und Sie wissen, wo der Geiz der Unkultur regiert. Und so borniert ein Bürokrat auch immer sein mag, er sollte sich nie dazu herablassen, einem Meldorfer oder einer Meldorferin zu sagen, ihre Stadt sei das Blankenese dieses besagten kargen, an Schafen reichen Landschaftstyps. Denn Meldorf ist kein Fischerdorf, in dem heute hanseatische Schnöselbacken mit Immobilien spekulieren. Meldorf ist eine Entscheidung, ein eigenständiges Bekenntnis.

Carsten Niebuhr

Über das Städtchen am Speicherkoog gibt es mehr zu sagen, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Die Kultur ist weitaus vielfältiger als ein Dom über der Marsch vermuten lässt. Und die Geschichte beginnt nicht mit der Eroberung und Militarisierung Schleswig-Holsteins durch die Preußen, sondern schon vorher. Nach Meldorf ist eine bronzene Gewandspange benannt, weil man sie hier fand. Hier wurden also schon Menschen begraben, bevor das barbarsiche christliche Mittelalter begann. Zwischendurch war da etwas mit Dänemark, und wenn es einen Ort der Aufklärung in Dithmarschen gibt, dann hier. Hier dachten, sprachen und schrieben Boie und Niebuhr. Und die Leute schwärmen noch heute für Boies Garten und Niebuhrs Stadtpläne. Damit wollen sie dann leise andeuten, dass ihnen das selbständige Denken der Aufklärer nicht ganz so fremd ist, wie es Kirchenfürsten aus Bremen oder Hamburg den Menschen aus Dithmarschen zutrauen.

Kriech unter der Bahn

Nun haben in einer Gegend, die aus Sand und Schlick geboren wurde, Steine eine kultische Bedeutung. Deshalb legen die Meldorferinnen und Meldorfer ihren Gästen allerlei Steine in den Weg, die nicht besonders schön sein müssen. Darüber musst Du einfach hinweg. Das ist aber nicht weiter schlimm, das Träschige hat ja auch seinen Reiz. Wer mit dem Zug aus Hamburg anreist, darf sich nicht erschrecken lassen. Die weltbekannte Firma am Bahndamm stellt sehr innovative Fenster her. So birgt die Architektur auf dem Werksgelände noch ästhetisches Entwicklungspotenzial. Bei der Ankunft folgen wir dem Schwarm in Fahrtrichtung des Zuges und dann nach rechts durch einen schmalen Rettungsweg. Hier sehen wir bereits eine Bahnunterführung der mittleren Neuzeit: springe bitte nicht vor Entsetzen nach unten, sondern folge dem Treppenverlauf. Beim Aufstieg stehen wir auf bereits auf dem Zingel, der bald für die nächste Generation ansprechend aufbereitet wird. Er gibt den Blick auf die Innenstadt frei, den wir in Anlehnung an die dänische Vergangenheit ‚Gehstraße‘ nennen. Leider müssen Fußgänger vorher den größtmöglichen Umweg gehen, um hineinzukommen. In diesem Moment haben wir bereits das erste Meldorfer Lemma gelernt:

Zeitreise

Hier hat doch jeder ein Auto …
Wer kein Auto hat, ist eben nicht einfach ‚jeder‘. Schließlich wollen wir den Sprechern dieses Satzes ja nicht unterstellen, dass sie Nichtautohaber als Nichtmenschen oder Untermenschen betrachten. Wenn Du zu den Jedermenschen gehörst, reist Du vielleicht von der Autobahn an. Dann haben wir etwas ganz Besonderes für Dich: den Sprung über die Bahn. So heißt dieser schwungvolle elegante Rechts-Links-Bogen, der Dich auf einen Kreisel geleitet. Die Einheimischen dürfen hier schnell fahren, aber bitte lass Dich nicht hetzen. Denn wir haben hier kurze Wege. Und dieser Sprung-über-die-Bahn-Schwung hat es wirklich in sich. Auf dem Kreisel steht ein modernes Kunstwerk, und das passt da nicht nur hin, sondern ist auch noch sehr pfiffig und durchdacht. Vom Künstler Dieter Koswig gibt es noch mehr in Meldorf zu sehen, buche also bitte in Deinem Kopf jetzt das Wort ‚Kunstwerke‘. Es ist wichtig, und die Wege sind hier kurz. Wenn Du für die Notiz im Kopf ein wenig Zeit brauchst: Es ist im südlichen Skandinavien erlaubt, mehrfach um den Kreisel herum zu fahren. Wenn Du fertig bist, biege dann Richtung Museum in die Innenstadt, es ist die einzige Zufahrt zur Stadt, die ansehnlich ist.

Norderstraße

Wenn diese Anfahrt nicht klappt, weil Du vielleicht aus Büsum oder Brunsbüttel zu uns kommst, dann wird es anspruchsvoll. Entweder Du fährst an Meldorf vorbei oder Du verfährst Dich in unseren Gassen. Besonders bei Dunkelheit. Du kreist dann mehrfach um genau die Straße herum, die Du auffinden möchtest, aber Du kommst einfach nicht rein. Wir müssen an dieser Stelle die Logik bemühen, aber bleibe bitte ganz ruhig, Du bist bei uns in guten Händen (Boie, Niebuhr!) Wenn Du jemanden in der Stadt kennst, rufe sie einfach an. Sie kennt das Problem schon und wird Dich aus dem Gedächtnis an die richtige Stelle lotsen. Bitte fahre dann ganz langsam, sonst verpasst Du den Abzweig. So kurz sind hier die Wege. Und dann wirst Du auf den einzigen Parkplatz geleitet, den die Einheimische für zumutbar hält, nämlich unmittelbar neben dem Wohnzimmerfenster Deiner Gastgeberin.

… also lass Deins einfach stehen

Wenn Du niemanden kennst, dann sei bitte so gut, und stelle Dein Auto auf dem nächstbesten kostenfreien Parkplatz ab, den Du findest. Neben dem Bahnhof gibt es einen holprigen Schuttabladeplatz, der eignet sich. Und es gibt ein Nahversorgungszentrum mit Parkplätzen, die zusätzlich zum Hochbetriebsverkehr noch sämtliche Pferde der napoleonischen Armee aufnehmen können. Einfach irgendwo aussteigen. Der Weg zum Ziel ist nicht weiter als acht oder neun Minuten Fußweg entfernt. Damit hätten wir den einzigen Satz erklärt, den wir zur Vorbereitung auf einen Besuch des Städtchen benötigen: Alle Wege sind hier kurz.

Jetzt weißt Du alles, was Du über Meldorf wissen musst, bevor Du zum ersten Mal herkommst. Du musst nur noch kommen. Entweder wir haben Dich dann im Sack und Du kommst nie wieder von uns los, oder Du interessierst uns so viel wie eine Schüssel Schrauben.

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