Eiseskälte

Im wärmsten Frühling an Eiseskälte denken. Ist das normal? Nein, aber es ist auch egal, ob das normal ist. Du denkst an das Wort und plötzlich ist sie da, die Eiseskälte und Du weißt auch warum.

Ich habe Nazi-Opfer kennen gelernt. Und ich habe Stasi-Opfer kennen gelernt. Und wenn Du eine Seele hast, dann fragst Du Dich: Warum begegnet Dir bei solchen Menschen so selten Hass? Sie sind besonders, das merkst Du. Sie sind so anders, das spürst Du. Aber ihr Zauber, färbt der ab?

Lily Brett hat für mich mit ihrem Edek eine Person beschrieben, die diese Antwort in sich trägt, aber eben auch nur als Frage der Tochter-Autorin an Vater Edek. Du bekommst die Antwort selten von den Opfern selbst. Lily Brett mag ihrem Edek alles nachsagen, nur eines nicht: Hass. Gegen Deutsche? Gegen Polen? Fehlanzeige. Edek liebt lieber.

Am nahesten habe ich eine Frau kennen gelernt – nennen wir sie Vera –, die war nicht direkt Opfer. Vera war Partnerin eines Täters, gegen den es zu einer Anklage kam. Dieser Anklage entkam er mit allerlei Verve und: mit Rabulistik. Mit einem rhetorischen Spielchen, in dem man zwischen Wahrheit, subjektiver Wahrnehmung, Sinnestäuschung herumhüpft und vor allem: mit dem Wörtchen „Missverständnis“ Pingpong spielt. Vera wurde dann doch noch Opfer dieses Täters, weil sie als Zeugin gegen den Stasi-Mann vom Stasi-Mann in die perfiden Spielchen hineingezogen wurde, die Stasi und Stasiabwehr miteinander gegen die Zeugin strickten.

Vera berichtete in diesen Tagen als Zeugin oft von ihren Erlebnissen. Sie war von ihnen paralysiert. Was auch sonst? Sie traute wohl noch nicht einmal mir, vielleicht ab und zu einem der Kriminalbeamten. Denn die waren ehrlich. Manchmal fragte sie sich, was wohl diesen Täter umtrieb. Verfolgte er sich selbst? Rannte und spionierte er hinter sich selbst her, in einem Schneckengang wie dem im Kopenhagener Runden Turm. Auf und ab – ab und zu abgelenkt in ein kleines Eckchen hinein, in einen Verschlag, in dem ein Geheimnis kauert. Dieser Täter kam frei und schrieb dann beseelt von seiner eigenen Gnade noch ein Buch über einen schrecklichen Staat, der ihn als armes unschuldiges Opfer verfolgte. Er wurde ein paar Jahre später von einer dänischen Zeitung  als Täter enttarnt.

Und Vera? Manchmal, so sagte sie, habe sie – nein: keine Angst gehabt. Das sei keine Angst gewesen. Sie nannte es Furcht. Du weißt, dass etwas passieren wird, Du weißt nicht genau was, aber es wird passieren. Etwas Bedrohliches. Es gibt dafür Anzeichen. Diese Anzeichen sind Menschen, die sich irgendwie anders verhalten. Sie sind aus Deiner Nähe, und sie sind in Deiner Nähe, tauchen auf, verschwinden wieder, sind plötzlich wieder da. Sie sind real. Keine Einbildung. Auch wenn Du Dich selber fragst, ob es wirklich wahr ist, was Du spürst. Hass? Nein, keinen Hass. Es ist ein Gefühl der Eiseskälte.

Eiseskälte mitten im Frühling. Du bist gelähmt. Gefroren eben. Du kannst nichts tun. Du merkst, es passiert wieder. Du merkst, die sind da. Du weißt nicht, wer es ist. Aber sie sind Dir ganz nah. Sie versuchen in Dich einzudringen und Dich auszusaugen. Es sind Parasiten. Kleine lästige Parasiten. Wie Flöhe. Wenn es anfängt zu jucken, saugen sie schon wieder woanders. Angst? Nein! Hass? Nein! Nur Eiseskälte. Zur Rede stellen? Zwecklos. Die Flöhe sind immer die Opfer. Hüpfen immer weg. Aber Du spürst sie. Zack, jucken, weg! Das ist das Trauma, das bleibt. Eiseskälte. Das ist das Gegensatzpaar: Liebe und Eiseskälte. Hass kennen nur Comic-Helden.

Und Du? Du weißt nur: Die Denunzianten sind unter uns. Aber Du weißt nicht, wer es ist. Die Denunzianten melken uns. Aber Du weißt nicht, wem sie liefern. Die Denunzianten denunzieren uns. Aber Du weißt nicht, warum sie Dir schaden wollen. Das ist das Trauma, die Eiseskälte zu spüren.

Und die Täter, die hinterher immer die Opfer sein wollen? Sind sie eiskalt? Manchmal. Sind sie heißspornig? Auch. Werden sie davon krank? Manchmal. Sind sie brutal? Auch. Sind sie warm und zärtlich? Eher nicht. Sind sie normal? Immer! Das ist ein Teil des Traumas. Du musst warten, bis sie sich in ihrer eigenen Rabulistik so sehr verheddern,  dass selbst der letzte Trottel merkt: Für so blöd kann mich kein Menschen halten, dass ich diesen Blödsinn auch noch glaube. Und so lange das nicht passiert, hast Du sie. Die Eiseskälte. Auch am Anfang des frühesten Frühlings. Auch wenn Du ganz nah dran bist. Am Floh.

 

hannes

5 Gedanken zu “Eiseskälte

  1. Ich achte nicht mehr auf das, was Leute über mich reden. Die dürfen alle sagen, was sie wollen. Ich achte nur darauf, wie sie handeln. Eins wirst Du kennen: Viele sagen, dass ihnen dieses und jenes enorm wichtig ist. Doch handeln sie auch so? Nehmen sie sich Zeit dafür? Glaubst Du dem, was sie reden? Oder glaubst Du dem, was sie tun?

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