Hohnbeer

In der Kreisstadt

Heide im Windgibt es ein lokales Brauchtum, die Hohnbeer. Ein solches Volksfest ist eine ernste Angelegenheit, noch viel ernster als Karneval oder anderer Spaß. Deshalb ist die Hohnbeer als Wortmarke beim Patentamt angemeldet. Niemand sonst darf unter dem Namen Hohnbeer ein Volksfest veranstalten oder eine sportliche oder kulturelle Aktivität (Nizzaklasse  41) entfalten, niemand darf das Wort Hohnbeer für Bier, Mineralwasser oder andere alkoholfreie Getränke verwenden (Nizzaklasse 32) und niemand darf ohne Genehmigung das Wort Hohnbeer auf „Abzeichen, nicht aus Edelmetall; Anstecker (Buttons); Aufnäher (Kurzwaren)“ bringen (Nizzaklasse 26).  Wer sich ein eigenes Bild vom Ernst der Lage machen möchte, lese die Hinweise zum Urheberrecht der Internetseite der Östereggen Hohnbeer, auf die wir hier lieber nicht verlinken, weil uns sonst ein Mann mit einer königlich preußischen Pickelhaube auf dem Kopf  Hops nähme, als kennte er den Rechtstaat nicht,  und in ein preußisch-deutsches Arbeitslager steckte, so sehr wird auf jener Internetseite mit dem juristischen Säbel gerasselt. So ernst ist das Feiern in Heide, du Christ!

Nun dängt sich den rundet hundert Millionen deutschen Muttersprachlern sicherlich die Frage auf, warum irgendjemand freiwillig auf die Idee kommen sollte, sein Fest, sein Mineralwasser oder … ‚Hohnbeer‘ zu nennen oder dieses Wort auf einen Wimpel oder auf ein Abzeichen zu pressen. Gut: ‚beer‘ als plattdeutsch für Fest, das mag noch bei ein paar tausend Niederdeutschen durchgehen. Aber ‚hohn‘, also ich meine in dieser Schreibweise klingt das doch wie Hohn. Erklärung: Wir sollten es wohl eher „hån“ schreiben, denn so ausgesprochen klingt der plattdeutsche Hahn. Es geht also um ein Hahnfest? Wer würde sein Volksfest freiwillig so nennen? Freiwillig!

Wie so viele Volksbräuche geht auch das Heider Hånbeer-Fest auf eine eher feige Tierquälerei zurück. Man sperrte einst einen Hahn in eine Tonne und steinigte sodann die Tonne, um das Tier zu befreien. Wenn der arme Vogel diese hochnotpeinliche Tortur ohne Herzinfarkt überlebte, feierte man das als gutes Zeichen für das neue Jahr. Laut Wikipedia haben wir es dem Heimatdichter Klaus Groth zu verdanken, dass diesem rüden Brauch mittelalterlicher Bauerntrampel ein Ende bereitet wurde. Damals fing man dann an zu boßeln. Das Fest konnte bleiben und wird bis heute mit Frack und Zylinder begangen. Und wenn der Bauer Zylinder trägt, ist es mit dem Witz vorbei.

Verehrte Besucherinnen und Besucher der Stadt Heide,

Roter Hahnbitte erschrecken Sie nicht, wenn Sie in der Stadt Heide über die Denkmäler für dieses Brauchtum stolpern. Bei dem Exemplar links ist zu beachten, dass auf einem Stein davor erklärt wird, was diese metallene Schöpfung ausdrückt. Der Hahn wurde sogar auf einen gemauerten Sockel erhoben. Das unterscheidet dieses Exemplar deutlich von seinen Konkurrenten, bei denen die heute verbotenen Wurfsteine betont werden. Wie immer in der großen Kreisstadt Heide ist es nun aber wichtig, das Objekt der Kunst in seinem kulturellen, urbanen Ambiente zu bewundern:

Nordereggen HohnbeerUnsere Kritiker werden jetzt wieder einwenden, diese Darstellung im Foto sei polemisch. Aber kann denn ein Foto wirklich polemischer sein als die Wirklichkeit? Es gibt Selbstironie und, wie wir hier sehen, also auch Selbstpolemik. Und die Leute, die solch städtebauliche Unglücke setzen, melden dafür auch noch Schutzrechte an. Welche Schulen der Nation übernehmen dafür die Verantwortung? Gut, ja: wir nehmen es hin, wir sind ein freies Land, alle dürfen tun, was sie wollen. Und das ist gut so. Aber wir werden doch bitte wohl darüber lachen dürfen. Oder etwa nicht?

Brauner HahnAnderer Hahn anderes Unglück, nach dem roten Hahn wird diesem die Freiheit gebräunt zu werden empfohlen. Dieses Symbol für die Heider Lust, die Fruchtbarkeit des Gockels zu feiern, steht an einer Straßenkreuzung. Den Anblick ersparen wir dem neugierigen Betrachter, denn wir hatten ihn bereits in einem Beitrag zur Promulgatorik erwähnt. „Ja!“ entfuhr es darauf einem entrüsteten Kritiker unserer Worte, „ja!!! Ihr habt ja Recht, es ist zuweilen unerträglich. ABER! Müsst Ihr denn immer mit dem Finger auf andere zeigen? Du weißt doch: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt mit drei Fingern auf sich selbst.“ Gerne!

SchwindsuchthahnDenn erst der Hahn rechts schießt den Vogel ab. Er erklärt die ganze steinige Geschichte seiner Art in dem Land, das von allein immer mehr wird das sich also von selbst vermehrt. Und diesen Gedanken bitten wir einzig und allein materialistisch zu interpretieren. Wir lesen diese Bildsprache bitte japanisch von oben nach unten: Der Hahn, das Fass, das gewesene Fass, ein Loch, die Steine. Der Rest wäre Schweigen, wenn das Werk nicht in Heide stünde und Jahrzehnte dort versucht wurde, das sich selbst vermehrende Dithmarscher Marschenland zu bebauen mit allerlei Gestein. Wir zeigen auch hier wieder das kongeniale Ambiente, in dem der magere Hahn seines Amtes waltet und den besiegten Thron bestiegen hat:

 Haus hinter dem Hahn

Wanderer kommst Du nach Heide, so verkündige dorten, Du habest schon Schlimmeres gesehen, aber Verstörung sei nicht das Wort, was Dich beschlichen habe, als Du das sahst.

 

 

 

hannes

2 Gedanken zu “Hohnbeer

  1. …fällt Hannes auch etwas zu unseren Heide Schmetterlingen, achja eine Libelle ist auch dabei, an Heides Wahrzeichen, dem Wasserturm, ein – sozusagen als Gegenpol, auch wenn Federvieh und Schmetterlinge gut dafür sind, „in die Luft zu gehen“

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