Neusprech schreitet voran

Foto von SpreeTom / Wikipedia in CC-Lizenz
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An allerlei Neusprech haben wir uns ja gewöhnt, zum Beispiel an den Verlust der Müllkippe, die sich sprachlich in einen Entsorgungspark verwandelte. Auch pflegt unsere Führungselite permanent, sich selbst zu entschuldigen. Das mag noch auf die legendäre Karikatur von Roland Beier zurück gehen, auf der Karl Heinrich Marx dem Volk sagt: „Tut mir Leid Jungs! War halt nur so ’ne Idee von mir!“ Aber das sagen sie jetzt alle: „Tut mir Leid, war nicht so gemeint!“ Hartz IV? Tut mir Leid, Ihr könnt ja die abgelaufenen Dosen aus dem Supermarkt essen. Rente? Tut mir Leid, Ihr könnt doch von Euren Minijobs was zurück legen. Das alles ist freilich noch steigerungsfähig.

Dass die Politker mit dem Wähler schimpfen ist ja auch nicht ungewöhnlich. Meistens nach verlorener Wahl. Die gewinnen sie nachträglich mit ein bisschen Rhetorik dann doch noch. Zum Schmunzeln sind allerdings Parteifürstchen, die nach gewonnener Wahl mit dem Wähler schimpfen:
http://spd-meldorf.de/news.php?readmore=142 Was war geschehen? Eine Partei hatte ihren Strippenzieher auf Platz 1 der Liste abgesichert, was aber nicht sicher genug war. Nun musste ein direkt gewählter Kandidat zurücktreten. So einer ließ sich denn auch finden, allerdings hatte die Sache einen Schönheitsfehler. Dem unwillig Gewählten fiel der eigene Unwille nicht vor der Wahl ein, auch noch nicht am Tag der Wahl oder beim Kater am Tag danach. Nein, wie es sich für einen echten Demokraten gehört, fiel ihm das erst ein, als der Parteivorsitzende fragte, ob sich denn auch alle gut überlegt hatten, wofür sie da kandidiert hatten. Diese Sorte Parteispontaneität bewerteten manche Wähler als ‚undemokratisch‘. Und diese Wertung darf sich ein Genosse Vorsitzender einfach nicht gefallen lassen. Er verwahre sich gegen diese Wertung mancher. Die hätten ihn ja statt dessen mal anrufen können und sich bei ihm danach erkundigen können, was sie undemokratisch nennen dürfen und was nicht.

Aber das alles ist noch nicht richtig schlimm, denn hier karikiert sich das Parteivolk nur ein bisschen selbst. Das autoritär Obrigkeitliche bricht sich immer mehr Bahn. Emanzipatorisch gesonnene Behinderte sehen sich bekanntlich von der Gesellschaft behindert. Manche marktwirtschaftlichen Behindertenfunktionäre nehmen eine diametral gegenteilige Haltung ein. Sagte kürzlich die Geschäftsführerin einer Stiftung für Behindertenarbeit in einer öffentlichen Veranstaltung, es gäbe immer mehr Menschen, die sich im Laufe ihres Lebens verbehindern. Ich verbehindere mich, Du verbehinderst Dich, … Sagen wir es in der Sprache der Krüppelbewegung: Ich verkrüppele mich, Du verkrüppelst Dich, … Das ist Neusprech als Reinkultur: Die Verstümmelten haben sich selbst verstümmelt. Irgendwie ist das böse. Mir ist das zu böse, auch wenn’s nur ein Freud’scher Lapsus war. Tut mir echt Leid, Mädels, ich grusel mich vor diesem Neusprech.

hannes

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