Das Ökodilemma

Markus Hacker
Markus Hacker

Ich will nicht behaupten, es gäbe nur ein Ökodilemma. Wahrscheinlich gibt es mehrere Dilemmata. Nur eines bereitet mir echte Kopfschmerzen, ich bin reif für den Therapeuten. Also ich meine keine Ärztin, sondern einen Seelenklempner. Es ist Folgendes: Kürzlich berichtete ein Umweltchemiker auf Ingwers Geburtstagsfete, dass die Abflüsse in seinem Nachbardorf stets und ständig verstopften. Nun habe der Bürgermeister zu einem wirksamen Mittel gegriffen, denn er habe die Gegenstände, die die öffentlichen Abflüsse verstopft hätten, an einer Säule mitten im Dorf aufhängen lassen. Hauptsünder sei das feuchte Klopapier. Wie bei jeder Geburtstagsfete waren wir nun endlich bei den Fäkalien angelangt, und diesmal traf es mich.

Tief durchatmen, Brust raus, Schultern nach hinten, Zwerchfellatmung einschalten: „Ich muss feuchtes Klopapier benutzen, sonst krieg‘ ich bei meiner Colitis einen wunden Hintern!“ Es gibt ein Schweigen, das jede Zwerchfellatmung in einen wilden Orkan verwandelt. Ich durfte die ökologisch unkorrekte Stille jetzt nicht verpuffen lassen. „Eine Mitbewohnerin ist Vegetarierin und wir essen nur dann Fleisch, wenn sie nicht da ist. Sie tut es aus ökologischer Verantwortung und aus Mitleid mit den Hühnern. Mein Arsch ist ihr egal. Deswegen muss ich immer die Veggipampe verdrücken, die noch mehr Durchfall macht. Zum Wohle des experimentellen Kochens lässt sie auch beim Kohl den Kümmel weg, und ich habe dann die Schmerzen am Pöker. Da hilft nur feucht wischen.“

Inzwischen waren auch die anderen Gespräche verstummt. Klar: Exkrement und Unterhose sind beim Plaudern noch immer so tabu, dass selbst ein Flüstern jeden Lärmpegel übertönt. Ich setzte nach: „Es wäre ganz einfach: Dürfte ich mich konventionell ernähren mit Fleisch und Kartoffeln, dann hätte ich weniger Ärger mit dem Darm. Aber das ist ja einfach nicht politisch korrekt. Ich muss auf Deubel komm‘ raus Veggibrei in mich hineinstopfen. Und Vorträge über Rohkost über mich ergehen lassen. Wenn ich dann von meinem Darm erzähle, dann bin ich einer dieser typisch langweiligen Männer, die nichts Gesundes an sich heranlassen wollen. Ich habe es satt: Mein Körper ist unökologisch und ungesund, wahrscheinlich wird er sterben.“

Inzwischen hatte ich eine Messias-Haltung eingenommen. Meine Arme hatte ich in die Luft erhoben, alle Blicke waren auf mich gerichtet. In meinem Hirn tobte es: Wie sollte ich die Kurve kriegen, ich konnte ja nicht so weiter machen! Blitzartig schlug die Erlösung in meinem Gehirn ein. Ich rief beschwörend in die mir hörige Menge: „Und wahrlich ich sage Euch, das Buffet ist eröffnent!“ Schlagartig setzte lobendes Gemurmel ein, dann ein tosender Beifall. Mein Murmeln, zum Glück gebe es auch Buletten, hörte niemand mehr, also griff ich zu.

Mac Hacker

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