Jun 09 2011
Die Zauberformel gegen Lokführer Lukas
Eine Ideologie ist ein Lehrgebäude, das die Welt erklärt und immer richtig ist. Die Schweizer Vontobelstiftung, die ansonsten für Gerontologieforschung zuständig ist, veröffentlicht gern derlei Ideologie-Schriften. Sie sehen aus wie Diplom-Arbeiten in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Innern reiten sie allerdings so rasant durchs Thema wie ein BILD-Reporter auf der geheimen Hochzeitsreise öffentlicher Flittchen.
Konservativ wie Karl Marx
Ein traulich ideologisches Beispiel ist der Essay “Geldsozialismus” eines privatisierenden Ex-Managers. Er will uns auf 75 Seiten das Dilemma der Weltwirtschaft erklären, und das tut er in jeder Hinsicht blendend: Er blendet so ziemlich alles aus, das zum gegenwärtigen Zustand der Weltwirtschaft beigetragen hat, und beschränkt sich auf die Quantitätstheorie des Geldes, mit der schon Karl Marx die Binnenwährungen des Sowjetsystems vorbereitet hat.
Nach der Theorie stellt man zunächst einmal fest, wie viele Güter es in Lummerland gibt und was sie kosten. Sagen wir der Einfachheit halber: 1000 Güter pro Jahr werden verkauft und haben als Preis einen Lummertaler. Jetzt kursiert in Lummerland aber nur eine Geldmenge von 20 Lummertalern. Also wird in dem Jahr jeder Lummertaler 50 Mal benutzt. Wenn Lokführer Lukas nun aus zehn Kohlen 20 neue Lummertaler macht, also die Geldmenge verdoppelt, dann verdoppeln sich auch alle Preise. Das ist die Zauberformel. Diese Formel ist gleichzeitig sehr schön, weil immer auch der Schuldige am Elend benannt werden kann: Lukas der Lokomotivführer! Um dieses Modell in die komplexe Wirklichkeit der Vontobelstiftung zu übersetzen, vewende man die Vokabeln Güter gleich Bruttosozialprodukt, Preis gleich Preisniveau und Lukas gleich Staat. Nichts weiter!
Vontobel-Autor sagt Staatssozialismus voraus
Alles Übel dieser Welt können wir einfach wieder abschütteln, indem wir einfach den Goldstandard wieder einführen. Dazu müsste man lediglich den Währungshüter verpflichten, jeden Euro in x Gramm Gold umzutauschen. So wie vor 1914, da glänzte alles schön gold. Später habe Lukas nur noch Schulden für Kriege oder für die Bestechung des Volkes mit Wohltaten gemacht. Jetzt, so der Autor der Vontobelstiftung, schliddert die ganze Welt in einen tragischen Konflikt: Entweder droht uns das Schicksal einer kommunistischen Zwangswirtschaft oder wir kehren zurück zum Paradies des 19. Jahrhunderts. Dem Leser sei geraten, sein Geld weder Vontobel noch irgend einer anderen Bank anzuvertrauen. Wir empfehlen statt dessen Direktinvestitionen in selbstverwaltete Wohnprojekte. Dann wird aus all der Tragik wieder ein Freudenfest.