Jun
04
2011
Begegnungen mit der Vergangenheit sind schon verflixt seltsam. Plötzlich steht so ein ewiger Stasispitzel vor Deiner Nase und Du spürst es im ersten Moment: “Da sind sie wieder!” Sie sind alle auf die gleiche unspektakuläre Art gleichgerichtet, dass es einem gruselt. Irgendwo ist ein Knopf, und wenn Du den drückst, dann singen sie die alten Lieder. Du bist wie geblitztdingst. Zurückgebeamt. Und wenn einem solche Leute noch ernsthaft sagen: Die Menschen in dieser Gesellschaft müssen geführt werden, dann ist das Fazit kurz: Nie wieder!
Es ist gut zu wissen, was man nicht will. Punkt.
Noch ‘ne Gebetsmühle
Kurze Zeit später die Neuauflage einer ebenfalls beerdigten Debatte. Peter Singer, der ewige Utilitarist, der die Formel gefunden, nach der man weiß, was man töten darf und was nicht: Personen darf man nicht töten, alles andere darf man schon irgendwie. Zu den Personen können auch Affen oder Meerschweinchen gehören, aussortieren darf man in einzelnen Fällen auch schon mal Menschen. In der Frage, wo die Person beginnt, soll sich Peter Singer in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben. 1989 war ihm schon ein Baby mit Retinopathia Pigmentosa zu wenig Person, bis einige dieser Un-Personen gegen ihn demonstrierten. Seine Reaktion war zweigleisig: Zum einen war ihm klar, dass er in Deutschland mundtot gemacht wird. Zum anderen begann er flammende Plädoyers zu verfassen, damit der Staat den armen schwachen Behinderten hülfe. Auch dagegen protestieren jetzt die starken Behinderten, statt dem herzensguten Peter Singer und seinen Jüngern zu danken.
Als ich zum ersten Mal von Leuten hörte, die diesen Menschen verehrten – er soll ja so sanft und zart sein, dass er vegan lebe – hoffte ich noch: Sie wollen nur mal ausprobieren, wie weit sie gehen dürfen. Sie wollen alle diejenigen vorführen, die wieder auf den Bilogimus des beginnenden 20. Jahrhunderts reinfallen. Aber nein, auch dieses Mal ist es wie immer: Es wird immer wieder derselbe Schrott neu erfunden und jedesmal ist er ernst gemeint. Mühle! Gebetsmühle!
Und die Erwischten, die es merken, schreien Zeter und Mordio: Ihr habt uns doch nur missverstanden! Tja, Leute, denn drückt Euch doch jetzt bitte mal unmissverständlich aus!
Mai
10
2011
Ein Böblinger Polizist erklärt vor Gericht: Er habe seine Krankschreibung 2007 genutzt, um sich in Libyen fortzubilden. Das berichtet die Süddeutsche Zeitung ausführlich, andere Gazetten drucken den DAPD-Bericht. Der Polizist habe wie ein paar andere Kollegen auch auf Einladung der ostfriesischen Sicherheitsfirma BDB Protection (inzwischen insolvent) dort zuschauen dürfen, wie Soldaten der libyschen Diktatur den Häuserkampf üben. Auch hat er über 400 Schuss Munition in seinem Spind gehortet. Der Polizist, der nicht mit Namen genannt wird, hat sicherlich auch für diese kriminelle Handlung eine schicke Räuberpistole parat haben. Wo man so dreist wie geschickt lügen lernte? Der 44jährige Mann lernte Terrorabwehr bei der Nationalen Volksarmee der DDR und siedelte mit dem Beitritt der DDR zum Sondereinsatzkommando des freien Westens über.
Haben wir gerade von Stas-IM Swantje gelernt, dass der Zweck (“Weltfrieden”) jegliches Mittel geheiligt habe und die Opfer der DDR-Staatssicherheit sozusagen ein Kollateralschaden der guten Sache waren, so müssen wir uns in diesem Fall des NVA-Veteranen eines anderen belehren lassen. Offensichtlich ging es den Weltfriedenskämpfern der NVA nicht um das Ziel, sondern nur um die Anwendung der Mittel: möglichst hinterhältig feige im Stil und brutal in der Sache, für wen ist egal, Hauptsache er zahlt.
Aber vielleicht ist die Sache ja noch viel viel einfacher. Wenn Armeen erst einmal Spezialkampfroboter ausgebildet haben, wollen die auch spezialkämpfen. Wenn Geheimdienste erst einmal ein Lügenroboter ausgebildet haben, wollen die auch lügen. Oder gibt es eine Sehnsucht nach Diktaturen? Das klingt wohl doch ein bisschen gruselig.
Apr
20
2011
Es war still im Kurs, gelacht wurde nur in Ausnahmefällen. Die Trainerin kündete monoton: “Lächeln Sie, begegnen Sie Ihrem Publikum immer mit einem gewinnenden Lächeln.” Die Einzige, die diesen Wunsch des Publikums nicht erfüllte, war die Trainerin selbst. Doch das kannte ich schon, genau so still war es auch, wenn Heinz D. Stuckmann vor der Gruppe saß. Heinz D. Stuckmann war Direktor der Kölner Journalistenschule, dort lernte ich 1986 Nachrichten zu schreiben. Was wir damals noch nicht wussten: Stuckmann war als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der sogenannten Staatssicherheit der DDR tätig, um unter dem Decknamen IM Dietrich Leute für die Unterdrückngsmaschine Stasi anzuwerben. Unsere Gruppe widerstand seinem Ansinnen, wir wollten ihn nicht als Lehrer haben, wir wollten andere Lehrer.
Die Legende als Wahrheit
Jetzt im April 2011 servierte mir die Firma FITS Job Konzepte GmbH, Hamburg, wieder eine IM, eine Inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi, IM Swantje. Ende der 70er spionierte sie in der DDR, seit den 80er Jahren im Westen. (Beleg: SWR 2009) Was genau ihre Aufgabe im Westen war, wissen wir nicht, sie hatte nach eigenen Angaben den Weltfrieden im Visier. Man weiß nur eines: Stasileute haben alle Informationen über die Personen in ihrem Umfeld aufgezeichnet und an ihre Führung berichtet. Persönliche Schwächen, Ängste oder Mängel dieser Personen waren für die Geheimdienste besonders spannend, denn jede Angst, jede Schwäche, jeder Mangel macht einen Menschen erpressbar. IM Swantje hat im Jahr 2011 folgende Aufgaben: Unterrichten, wie man bei Bewerbungen mit der eigenen Biografie umgehen solle, und einen Bericht über jede Person an die Agentur für Arbeit schreiben. Auch im Jahr 2011 präsentierte sie sich ihren Kontaktpersonen m Kurs mit derselben Legende, mit der die Stasi IM Swantje einst in den Westen einschleuste. Glaubwürdig? Geschönt? Oder verlogen? Wie man sich präsentiert, so lebt man. Erst das Googeln im Internet gab uns KursteilnehmerInnen ihren wirklich Auftrag preis: im Westen für die Ideologie des DDR-Staates zu agitieren, für Erich Mielke zu spionieren oder Agenten anzuwerben.
Konsumieren für den Weltfrieden
Es ist völlig egal, ob man die Memoiren des IM Dietrich liest (Rezension Deutschlandradio), Archivaufnahmen des Chefkommentators des DDR-Fernsehens ansieht, oder IM Swantjes Rechtfertigung im Jahr 2011 anhören musste: Sie stellen sich als Opfer des kapitalistischen Klassenfeinds dar, ja sogar als Botschafter des Weltfriedens; die Verbrechen der Stasi werden zum Kollateralschaden der notwendigen Entwicklung der Weltgeschichte, und die miefige DDR betrachten sie als das bessere Deutschland. Und alle drei haben eines gemeinsam: Sie waren den Verführungen des Westens verfallen. Der Chefkommentator pflegte zum Shopping nach Westberlin zu reisen, IM Dietrich fuhr mit seinem schwarzen Porsche über sein herrschaftliches Gut Schillingsrott und IM Swantje fiel schon im ersten West-Job wegen ihrer teuren Klamotten auf. Dreimal dieselbe Dekadenz, dieselbe Rhethorik, dasselbe Gejammer. Kann mich jemand verstehen, dass ich diese feige und doppelbödige Stasibande nirgendwo ertragen mag?