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Mrz 01 2011

Verteidigung Guttis gegen den Strom

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Der geneigte Leser, die geneigte Leserin möge mir verzeihen, dass ich den Adel nicht adele. Ich möchte von Gutti reden, weil ihn diese Anrede uns näher bringt. Gutti ist der, den wir mögen, nicht der Mann mit den fettigen Haaren und den vielen Präpositionen im Namen. Der Mann, der handeln kann, auch wenn sich alle bürokratischen Schranken eigentlich dagegen entscheiden. Den Mann, den BILD liebt, weil er eben nicht alles schafft, was er schaffen sollte. Um das zu begreifen, müssen wir die Fragestellung, die mit seinem Namen verbunden ist, umdrehen.

“Kind, wenn Du Dich nicht anstrengst, … “
Im Fall Gutti wird zur Zeit diskutiert, ob er abschreiben dürfe. Die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet: Müssen wir nicht abschreiben, um bestehen zu können. Um bestehen zu können, brauchen wir einen Job. Um einen Job zu bekommen, so sagen wir den Jugendlichen, braucht man eine gute Ausbildung. Und die jugendlichen wissen: Ohne einen guten Abschluss, ist die beste Ausbildung nichts wert. Dies ist eine logische Wenn-Dann-Kette, das zweite folgt aus dem Ersten. Jeder Logiker weiß, dass man diese Kette nicht umdrehen darf. Wenn man die Kette umdreht darf man höchstens sagen: Wer keine gute Ausbildung hat, bekommt man auch keinen guten Job.

“Die wollen doch bloß alle nicht … “
Ob das stimmt, kann man bezweifeln. Denn ob Pamela Anderson, Paris Hilton, Veronika Ferres, Diktator Ghadaffi, Gutti oder Lehrer Lämpel eine gute Ausbildung hatten, das wissen wir alle nicht so genau. Und das ist wohl auch der Grund, warum die falsche Schlussfolgerung aus der genannten Schlussfolgerungskette in der öffentlichen Debatte die Hauptrolle spielt: Wer einen guten Abschluss hat, ist auch nicht arbeitslos. Auch diese Aussage stimmt nicht, reicht aber dafür aus, dass BILD & Co. alle Erwerbslosen mit dem Stempel versieht: „Die wollen bloß nicht, denn die haben ja eine gute Ausbildung!“

BILD-Leute als Lehrer der Nation
Pikanter Weise habe ich vom einem BILD-Mann gelernt, wie man Nachrichten schreibt. Dieser BILD-Mann war, wie man in Akademiker-Kreisen zu sagen pflegt, ein abgebrochener Theologe. Und selbst nachdem er einen Journalisten-Kollegen öffentlich denunziert hatte, behielt er einen fetten Job und wurde freier Rundfunkkorrespondent für öffentlich-rechtliche Sender. Mit diesem Einzelbeispiel für schlechte Ausbildung und guter Job könnte man die gängige BILD-Logik widerlegen. Aber zu denken ist nicht die Stärke des Populismus, deshalb verdrängen die BILD-Leute ihre eigenen Versager. Nur wenn ein Gutti kommt, einer der Ihren, ein Prüfungsversager, dann verteidigen sie ihn: Ist doch nicht so schlimm, kann uns doch allen mal passieren.

Bitte nicht so ideologisch!
Und da haben sie Recht, die BILD-Leute. Und darum haben sie sich damals 1989 auch so gut mit Bärbel Bohley verstanden. Wenn die Mutter der Revolution mit langen logischen Wenn-Dann-Ketten konfrontiert wurde, sagte sie einfach: „Das ist mir jetzt zu ideologisch!“ Ja, das stimmt! Die Argumentationslogiken von Systemen sind sehr oft viel zu ideologisch. Und falsch ist es, was da so populistisch mit Diekmann-Gel auf Papier geklebt wird. Und darum brauchen wir Gutti, einen Mann mit Mumm, aber ohne vollständige Ausbildung. Aber bitte schickt uns endlich mal einen Gutti, der auch den Mumm hat, öffentlich die Wahrheit zu sagen: Man braucht keine gute Ausbildung, um einen guten Job zu bekommen, sondern Beziehungen. Aber so lange wir uns einen Wunsch-Gutti nicht backen können, müssen wir den nehmen, den wir haben.

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