Archiv der Kategorie: Meldorf für Einsteiger

Meldorf vom Service abgehängt

Meldorf ist vom Service abgehängt? Das klingt nach Verschwörungstheorie! Ist es aber nicht: Wie auch immer Fehlplanung entsteht, am Ende gibt es ein Ergebnis. Und die Ergebnisse sind von diesem Ort aus betrachtet ärgerlich. Wenn man im teuersten Nah-Tarif Deutschlands Umwege bis zu 180% des direkten Wegs bezahlen muss, dann müsste der Service perfekt sein. Ist er aber nicht: Im Gegenteil! Hier sehen wir den Bahnhof Heide.

Bahnhof Heide Gleis 3

Von Gleis 3 im Bahnhof Heide fährt der Zug nach Itzehoe über Meldorf, St. Michel, Burg und Wilster ab. Hier gibt es kein Wartehäuschen wie an den anderen Gleisen. Die Überdachung für Gleis 2 und 4 ist eine Minute Fußweg entfernt.

linie-62-heide
Dort, wo der Zug der Linie 62 hält gibt es keine Information, keinen Fahrkartenautomaten, keinen Unterstand.
Wer Information braucht, geht 2 Minuten extra, wer eine Fahrkarte braucht, geht 2 Minuten extra, wer Schutz braucht, geht zwei Minuten extra . Bei Wind und Wetter. Bei Regen oder Schnee.
zug-warte-haeuschen-linie63
So wäre es richtig, das Wartehäuschen steht direkt neben dem Halt des Zuges. Ausnahme: Linie 62 über Süderdithmarschen nach Itzehoe. Aufmerjksame Beobachter würden mir jetzt triumphierend entgegenhalten: „Aber auch da kein Automat!“
Automat Nordbahn
Doch! Im Zug! Dort sogar zwei Automaten. Und besser! Denn die Automaten akzeptieren auch die Bankkarte fürs Bezahlen. Und weisen auf das komfortable SH-Ticket hin, das die nah.sh-Auskunft verschweigt. Der Grund: Die nordbahn fährt auch im Hamburger Tarifverbund. Vor diesem HVV-Tarif will uns die SH-Politik aber unbedingt bewahren. Der viel günstigere HVV ist ja auch komfortabler als der teure SH-Tarif.
Zielanzeige Standard
Jetzt könnte man das Leid ein wenig lindern, gäbe es die gleiche Zuganzeige wie auf den Gleisen 1,2, 4 und 5 in Heide (Holstein) Dort sind neben der aktuellen Abfahrt die folgenden Ankünfte oder Abfahrten verzeichnet.
Zielanzeige Gleis 3
Aber Pustekuchen, auch dieses Geld haben wir uns gespart. Die Hauptsache ist doch, wir aus Meldorf, St. Michel oder Burg bezahlen den teuersten Tarif in ganz Deutschland.

 

Das weiß hier* jeder – in Meldorf

Kunstwerke in Meldorf from Kri Stern on Vimeo.

Als Text:

 

Stiftet neue Kunstwerke für Meldorf

„Das weiß hier jeder!“ lautet eines der Gesetze, die der Neue häufig hört. Hier, das ist die kleine Stadt auf dem Lande. Jeder, das sind all diejenigen, die immer schon hier gehockt haben. Wo die Gehstraße ist, das weiß hier jeder. Mit dem Auto querpfad über die Gehstraße hinweg nageln? Das tut hier keiner! Da braucht man kein Schild, das den Fremden zur Vorsicht mahnt. – Das weiß hier jeder? Das tut hier keiner? Sind das mitten im preußischen Militärerprobungsgebiet Schleswig-Holstein kleine leise Anflüge des Janteloven, dem skandinavischen Gehörtsichpolitischsoundüberhaupt?

Jeder kann nicht alles wissen. Der Neue hatte von den vielen schönen Kunstwerken im Stadtbild gesprochen und erntete fragende Blicke. Meinte er die Kirche hier? Nein, gegenüber von dem Haus, das C.F.Hansen gebaut hat, da steht doch so eine faszinierende Statue. C.F.Hansen? Ach so, der Neue meinte das vermutlich älteste noch bestehende Stampflehmhaus! Wegen des Superlativs wurde entschieden, den Stampflehm zu betonen. Das weiß hier jeder. Klassizismus wäre ja auch zu modern inmitten all der Heimatromantik. Und C.F.Hansens dänische Architektur gibt es schließlich auch in Altona.

Gegenüber? Was meinte der Neue mit der Eleganz des Gedenkens? Ach so: Schwinghammers Heimkehrer. Trotzdem versuchte es der Neue noch einmal. Er fragte, wer die stählerne zweifarbige Schattenhülle von Dieter Koswig gestiftet habe. Der Neue schämte sich: wieder die Fragezeichen in jeders unhörbarer Sprechblase. Schattenhülle? Koswig? Wo denn? Neben dem Landesmuseum liegt sie. Es sieht sie vielleicht nicht gleich jeder, aber doch ist sie da.

Eines sieht denn aber wirklich jeder. Aufklärer Carsten Niebuhr schaut gelassen von der Kirche weg. Am Landschreiber- und Justizratshaus vorbei blickt er auf den Markt, dorthin wo freitags Fisch und Käse gehandelt werden. Landvogt Heinrich Christian Boie wartet noch auf eine schöne Büste. Als Hainbundgründer und Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs hätte er’s verdient. Aufklärung will halt nicht jeder. Trotz alledem haben sich hier noch weitere Kunstwerke ihren Platz erobert.

Übersehen kann sie keiner: die Zugvögel auf einer Wiese am Speicherkoog. Aber den Namen der Künstlerin nennen? Nicht auf Anhieb. Fritzi (Friedegard) Metzger war’s, sie schweißte die charismatischen sommersonnig leuchtenden Vögel. Der flötende Junge vor dem Gymnasium kommt am besten in Herbst und Winter zur Geltung. Im Sommer wird Karlheinz Gödtkes lasziv unchristliche Anmut ein bisschen vom verhüllenden Laub gekitzelt. Honi soit qui mal y pense. Die Meldorfer Bildhauerin Dora Maaßen ließ das Mädchen vor der Gemeinschaftsschule deutlich züchtiger lesen und gebeugt in ihren zur Vogeltränke gefalteten Schoß blicken. Da fällt kein Laub hinein.

Mehr Anstoß als sie erregt der Stein vor dem Rathaus, der sich auf ein nicht besitzbares Gestell stützt. Der Burger Johannes Michler rief mit dieser Arbeit Apelle an die gesunde Vernunft wach. Solch Werke seien als Gespinste kranker Hirne zu entlarven, so schrieb ein Leser der Zeitung! Kunst bewegt. Denn jeder hier weiß: Die Kunst ist eine Unart, dass es eine Art hat. Einen Titel auf einem Schild, das den Fremden vor den Steinen warnt, das braucht hier keiner.

Steine haben besonderes Gewicht, die Eiszeit brachte sie aus Schweden. Wo immer ein Findling auftaucht, wird ihm ein Ehrenplatz zuteil. Die Steine vor dem Brunnen auf dem Markt haben keine Bedeutung. Sie liegen vor einem Brunnen, der schon lange nicht mehr brunnt. Mit einer Inschrift geböte ein solcher Stein Gedenken. In der Marschkammer und im Speicherkoog vor Nordermeldorf melden zwei Steine die glücklich beendete Flurbereinigung. Manchmal ist auf einem vom Frieden zu lesen, zu dem die Toten mahnen. Solch klare Worte meißelte der Marner Paul Heinrich Gnekow. Dank dem Meister, der auch für den neuen Deich vorm Speicherkoog das Meer in Stein haute.

Gunter Demnigs Stolpersteine am Südermarkt 2 und in der Marschstraße 37 messen nur ein Viertel Fuß. Sie erinnern an den Kellermeister Friedrich Jansen und an den Matrosen Johann Wilhelm Jasper. Um das einundzwanzigfache vergrößert betreten wir hingegen die Meldorfer Fibel. Sechs sechs Fuß große Grabplatten sind in die Fußgängerzone eingelassen, um achteinhalb Zentimeter Schmuckstück zu ehren. Ihre Inschrift VIKI steht unter germanenromantischem Runenverdacht. Am Markt flaggt sie als Un-Koons-Werk in güldenem Plastik vom geteerten Baumstamm, kann nur maskottchengleich gekrönet werden von dem Lehm stampfenden Mädchen Viki in rotem, offenem, von der Spange gehaltenem Gewande.

Zurück vom Gold zum Eisen. Ganz neu ist ein neuer Koswig. Kaum war die neue Bürgermeisterin im Amt, stand das Modell seiner Zeitreise in ihrem Büro. Jetzt stehen die zum Symbol der Zeit klug verschlungenen Kreise auf dem Kreisel, der das über die Bahn springende Auto in die Stadt verteilt. Was wir tun, damit das Kunstwerk auch dort bleiben kann, das weiß hier jeder. Oder etwa nicht?

Alle Beiträge der Serie ‚Meldorf für Einsteiger‘:

  1. Echt klein Meldorf
  2.  Ist Schier. Jetzt ist er hier.
  3. Boyens Zeitung lesen in Meldorf
  4. Das weiß hier* jeder – in Meldorf

Boyens Zeitung lesen in Meldorf

Das große Dithmarscher Land hat eine eigene unabhängige Tageszeitung. An dieser Stelle müssen wir alle Neuen noch einmal darauf hinweisen. Das ganze Land mit allen ihren Städtchen, hat nur halb so viele Einwohner wie die Landeshauptstadt.  Das heißt: Die Tageszeitung muss alle Aufgaben wuppen und hat viel weniger Einnahmen. Viele Neue im Ländle vergleichen nun die kleine Dithmarscher Landeszeitung (DLZ) mit ihren großen überregionalen Lieblingen. Das geht natürlich gar nicht, schließlich bekomme ich die Ware im Bioladen ja auch nicht zu Aldi-Preisen.

Wenn wir also Zeitung und das Lesen liebhaben, müssen wir still genießen. Wer als Reporter für diese Zeitung schreibt, schätzt eben ein Zuhause und die eigene Familie mehr als das Prestige für eine Watergate-Enthüllung. Dennoch haben er und sie den typisch journalistischen Schalk im Nacken. Da werden dann zum zweiten Mal dieselben neuen Beschlüsse gefasst, und es ist der Leserin, dem Leser überlassen, dies ernst zu sehen oder als Ironie.Dieser Genuss beginnt mit der Titelseite, die wir wahllos von vier aufeinander folgenden Tagen geknipst haben:

Nun müssen wir gleichzeitig vor Verschwörungstheorien warnen. Hier sind keine hinterhältigen Strippenzieher am Werk, die dem Waldhorn Habeck oder einer Bundeskanzlerin schaden möchten, die kein Interesse an schrumpfenden Dörfern hat. Es kommt halt so: Die Auswahl der Bilder orientiert sich streng an den Kriterien des Boulevard-Journalismus, auch wenn wir in der Verlagsstadt vergeblich einen Boulevard suchen. Das ist beim Lokaljournalismus besonders schwierig, weil dort auf sexy Kraut zu verzichten sei. Gleichzeitig muss der lokale Aufreißer über dem Bruch, an dem die Zeitung gefaltet ist, stehen. Das gibt dann lustige Kombis. Und die letzte Kosmetik-Reform der Zeitung erzwingt offenbar, dass die aufreißende Überschrift das aufreizende Bild untertitelt. Ein Schölm der Böses daboi döchte.

Im Innern kommt jedes schrumpfende und wachsende Dorf in der Zeitung vor, auch Meldorf. Und das ist in zweierlei Hinsicht eine Leistung. Erstens muss der Verlag sehr viele Reporter beschäftigen, denn allein die weiten Wege kosten viel Zeit. Zweitens passiert in einer dünn besiedelten Gegend nicht so aufregend viel, dass selbst begabte Reporter etwas herausholen können. Liebe Neue in Meldorf, bitte werdet zu stillen Genießern und freut Euch über den Verlag ,der eine Strategie gefunden hat, in der kleinen Region zu überleben. Arbeitet den vielen kleinen Lokalredaktionen solidarisch zu. Sonst werden wir alle in den großen Madsack gesteckt oder in eine Streuobstwiese aus Reederei, Schnaps und Medien. Abschließend noch ein Tipp: Versuche nie etwas auf der Webseite des Verlags zu finden. Nutze stets Google oder Bing, und suche nach „Suchwort Site:boyens-medien.de“

  1. Echt klein Meldorf
  2.  Ist Schier. Jetzt ist er hier.
  3. Boyens Zeitung lesen in Meldorf
  4. Das weiß hier* jeder – in Meldorf

Ist schier. Jetzt ist er hier.

Irgendwann trifft es jeden Fremden in Dithmarschen: „Ist nicht schier!“, schallt ihm entgegen. Der Fremde wird’s nicht gleich verstehen. Aber bald. Eine kurze Erklärung, seit wann mir das Wort Angst macht:

„Also ich komm‘ ja aus Neubrandenburg. Ja, die Stadt mit den vier Toren. Ich war da Fahrer vom Chef. Spirituosenfabrik, nicht wahr. Da war nichts mit Stasi, ich war ja nur Fahrer. (Schmunzeln) Sag mal die grauhaarige Frau wohnt nicht mehr bei Euch? Gar nicht mehr? Seid aber nicht im Streit? Ja, wir haben’s gut gehabt damals. Ich hab‘ alles gehabt. Rouladen, Radeberger. Alles. Immer mit nach Berlin, da in den großen Hotels gewohnt. Während die Sitzung gemacht haben. Alles mitgekriegt. (Seitenblick vor das Haus.) Da auf dem Gehweg wächst ja auch alles. Nicht schier.“

Wir haben eine gemeinsame Herkunft.
Wir haben eine gemeinsame Herkunft.

Das war das erste Mal, das mir ein kalter Schauer den Rücken runter lief. Der Gehweg ist nicht schier, es wächst Gras. Das darf nicht sein. Dort wo die Wohnungsbaugesellschaft ihren strategischen Leerstand verfallen lässt, wäre das erlaubt. Aber wehe, bei dir ist‘ nicht schier. Dann gibt’s einen Brief vom Bauamt. Vorausgesetzt ein Nachbar beschwert sich. Und der Nachbar geht zwei Mal im Jahr mit dem Flammenwerfer auf alles los, was im Boden lebt. Danach ist schier. Ein Satz, der kein anderes Subjekt braucht, der Zustand schier ist Subjekt genug. Der Satz lautet: „Ist schier!“ Oder „Ist alles schier!“ Alles ist dann kein Subjekt, sondern Adverb zum Zeichen des Vollständigen.

Für den Fremden ist dieser Satz erst einmal nicht verständlich. In dem kleinen Wort ’schier‘ steckt das gesamte Gesetz des ruralen Raums skandinavischer Provenienz. Schon in der Bemerkung ‚ist nicht schier‘, steckt das Urteil, das mit Naserümpfen nicht unter siebzehn Zentimetern geahndet wird. Wer sich’s zu Herzen nimmt, wird Borderliner, depressiv oder hat zumindest schlaflose Nächte. Bis er wie ein Besessener auf der Straße kriecht und das Kopfsteinpflaster schier kratzt, flämmt oder spritzt. Im Zweifelsfalle hilft auch zu mähen getreu dem Motto: „Ich hab‘ ja nichts gegen Bart, aber gepflegt muss er sein.“ So wie bei Barbarossa, Kaiser Wilhelm oder Adolf, aber nicht wie beim Juden Marx von Trier.

„Schier“ hinterfragt man nicht, das ist einfach. Es seint sozusagen. Und wenn es nicht ist, dann ist es nicht. Das weiß hier jeder. Und wer es nicht weiß, der ist nicht hier. Darüber wacht der Dom. Das alles kann leicht ertragen, wer nicht vor Göttern zu Kreuze kriecht. Man darf drüber schmunzeln, schreiben, sogar lästern. Aber es muss früher ein Problem für die Leute gewesen sein. Da gibt es Geschichten. Du musstest einfach gehen. Wiederkommen zwecklos. Wie früher in der DDR. Da nützte ein Seitenblick.

„Also nee, nee, nee, ich war nicht bei der Stasi. Mein Nachbar war Schlachter, der hat da im Gefängnis das mit dem Wassertauchen gemacht, nicht wahr. Der hatte ’ne Tochter. Die hat mit den beschlagnahmten Westautos die Männer auf dem Transit aufgerissen. War ja hübsch. Haben sie alle zugestimmt, wenn sie sagte, die DDR wäre scheiße. Und beim nächsten Parkplatz ging’s raus.“ Bei dem Mann ist alles in Ordnung. Ist schier!

  1. Echt klein Meldorf
  2.  Ist Schier. Jetzt ist er hier.
  3. Boyens Zeitung lesen in Meldorf
  4. Das weiß hier* jeder – in Meldorf

Echt klein Meldorf

Welches ist das kleinere Haus - Hof Peter Panter Buchladen
Welches ist das kleinere Haus – Hof Peter Panter Buchladen

In Meldorf ist nicht alles klein. Aber vieles. Diese Feststellung mag nun selber auch sehr klein erscheinen. Sie ist aber bedeutsam. Die Bedeutung muss ein Mensch, der sich neu der kleinen Stadt zuwendet, bewusst selber entdecken. Versuchen wir es für den Anfang mit ein wenig Ironie: Als die Meldorfs anfingen, breite Wege anzulegen, machten sie bei der Zahl zwei schon Schluss. Es gibt den Ersten Breiten Weg, den Zweiten und das war’s und dabei bleibt’s. Bleibe er stehen, der Wanderer und sehe sich die kleinen Häuser an. Sofort höre ich den Protest des Großstädters: „Die sind doch alle klein hier.“ Nein, nicht alle, aber viele. Und es gibt unter den vielen Häusern auch kleine Häuser. Manches dieser kleinen Häuser hat dann noch eine Art Schuppenhaus in einem Hof, der viel zu klein ist. Und als die vielen Flüchtlinge nach dem furchtbaren deutschen Weltkrieg kamen, krochen in einem solchen kleinen Hofschuppenhaus zwei Familien unter.

Schwinghammer Wie-lange-nochIn dieser Zeit, in dem die kleinen Hinterhäuser in viel zu kleinen Höfen von kleinen Häusern für zwei Familien reichen mussten, ließen die Meldorfs eine Statue schaffen, die an die Kriegsgefangenen in Russland erinnerten. Sie ist nicht so groß wie Bismarck in Hamburg. Der Park um diese Figur ist nicht so groß wie der Park rund um den Hmaburger Roland. Auch würde seine Restaurierung keine 13 Millionen Euro verschlingen wie in Hamburg, aber es lohnt sich, viel länger hier zu verweilen als beim fürstlichen Roland des Hamburger Kaufmannsadels. In Meldorf hat der städtische Bauhof den Blumengarten rund um den Kriegsgefangenen liebevoll gestaltet, schau‘ einmal genau hin und lass Dir Zeit. Ist er nicht zeitlos? An welchen Künstler denkst Du, wenn Du Dir das Standbild ansiehst? Bist Du in einer Zeitmaschine? In Meldorf ist vieles klein, es lohnt sich, die Zeit zu nehmen und genau hinzuschauen.

Kino Meldorf - kleines Kino, große Vielfalt
Kino Meldorf – kleines Kino, große Vielfalt

Aus dem Hof mit dem für zwei Familien viel zu kleinen Haus ist ein Antiquariat geworden. Rechts und links eine Gaststätte, eine für tags eine für abends. Drei kleine Höfe zum Verweilen. In der ganzen Zingelstraße findest Du solche kleinen Nischen, die als Schauraum, lauschige Lauben oder Kaffegarten genutzt werden. Auch das Kino ist klein, aber Du kannst jede Woche hingehen. Du bekommst ein Bier serviert und wirst sogar nach Deinem Kinogeschmack gefragt. Arthaus oder Mainstream, Action oder Kinderfilm, Du bekommst hier alles.

schierer Gartenbau
schierer Gartenbau

Kein Gartenstückchen kann zu klein sein, es wird treu gepflegt. Obwohl dieses Gärtchen wohl eher in die Kategorie ‚alles schier‘ gehört. Darüber berichten wir ein anderes Mal.

 

 

 

  1. Echt klein Meldorf
  2.  Ist Schier. Jetzt ist er hier.
  3. Boyens Zeitung lesen in Meldorf
  4. Das weiß hier* jeder – in Meldorf

 

 

Meldorf für Einsteiger

Was Du vor Deinem ersten Besuch über Meldorf wissen musst

Himmelreich
Heider Himmelreich

Viele Städte konkurrieren hart mit ihrer Widersacherin. In Lübeck solle die Reisende nie das Wort Kiel in den Mund nehmen, schreibt ein Reiseführer. Oder in Lübeck und Hamburg kennt man die Redensart: „Ich bin doch kein Bremer!“ Und in der Tat: Es gibt Wörter, die bezeichnen zum Beispiel den Bestandteil eines Schiffes, aber keine Stadt. Und es gibt einen besonders kargen Landschaftstyp, der reich an Schafen ist. So viel Mühe sich die Menschen geben möchten: Aus einem kargen Landschaftstyp wird nie eine schöne Stadt. In Meldorf bedauert man diejenigen Zeitgenossen, die sich gezwungen sehen, in einer Stadt dieses Namens Quartier zu beziehen. Die Menschen feiern dort barbarische Bräuche, wie das Quälen eines Hahns. Sehen Sie sich die Wohnzimmerdecke in der dortigen Hauptkirche an und Sie wissen, wo der Geiz der Unkultur regiert. Und so borniert ein Bürokrat auch immer sein mag, er sollte sich nie dazu herablassen, einem Meldorfer oder einer Meldorferin zu sagen, ihre Stadt sei das Blankenese dieses besagten kargen, an Schafen reichen Landschaftstyps. Denn Meldorf ist kein Fischerdorf, in dem heute hanseatische Schnöselbacken mit Immobilien spekulieren. Meldorf ist eine Entscheidung, ein eigenständiges Bekenntnis.

Carsten Niebuhr

Über das Städtchen am Speicherkoog gibt es mehr zu sagen, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Die Kultur ist weitaus vielfältiger als ein Dom über der Marsch vermuten lässt. Und die Geschichte beginnt nicht mit der Eroberung und Militarisierung Schleswig-Holsteins durch die Preußen, sondern schon vorher. Nach Meldorf ist eine bronzene Gewandspange benannt, weil man sie hier fand. Hier wurden also schon Menschen begraben, bevor das barbarsiche christliche Mittelalter begann. Zwischendurch war da etwas mit Dänemark, und wenn es einen Ort der Aufklärung in Dithmarschen gibt, dann hier. Hier dachten, sprachen und schrieben Boie und Niebuhr. Und die Leute schwärmen noch heute für Boies Garten und Niebuhrs Stadtpläne. Damit wollen sie dann leise andeuten, dass ihnen das selbständige Denken der Aufklärer nicht ganz so fremd ist, wie es Kirchenfürsten aus Bremen oder Hamburg den Menschen aus Dithmarschen zutrauen.

Kriech unter der Bahn

Nun haben in einer Gegend, die aus Sand und Schlick geboren wurde, Steine eine kultische Bedeutung. Deshalb legen die Meldorferinnen und Meldorfer ihren Gästen allerlei Steine in den Weg, die nicht besonders schön sein müssen. Darüber musst Du einfach hinweg. Das ist aber nicht weiter schlimm, das Träschige hat ja auch seinen Reiz. Wer mit dem Zug aus Hamburg anreist, darf sich nicht erschrecken lassen. Die weltbekannte Firma am Bahndamm stellt sehr innovative Fenster her. So birgt die Architektur auf dem Werksgelände noch ästhetisches Entwicklungspotenzial. Bei der Ankunft folgen wir dem Schwarm in Fahrtrichtung des Zuges und dann nach rechts durch einen schmalen Rettungsweg. Hier sehen wir bereits eine Bahnunterführung der mittleren Neuzeit: springe bitte nicht vor Entsetzen nach unten, sondern folge dem Treppenverlauf. Beim Aufstieg stehen wir auf bereits auf dem Zingel, der bald für die nächste Generation ansprechend aufbereitet wird. Er gibt den Blick auf die Innenstadt frei, den wir in Anlehnung an die dänische Vergangenheit ‚Gehstraße‘ nennen. Leider müssen Fußgänger vorher den größtmöglichen Umweg gehen, um hineinzukommen. In diesem Moment haben wir bereits das erste Meldorfer Lemma gelernt:

Zeitreise

Hier hat doch jeder ein Auto …
Wer kein Auto hat, ist eben nicht einfach ‚jeder‘. Schließlich wollen wir den Sprechern dieses Satzes ja nicht unterstellen, dass sie Nichtautohaber als Nichtmenschen oder Untermenschen betrachten. Wenn Du zu den Jedermenschen gehörst, reist Du vielleicht von der Autobahn an. Dann haben wir etwas ganz Besonderes für Dich: den Sprung über die Bahn. So heißt dieser schwungvolle elegante Rechts-Links-Bogen, der Dich auf einen Kreisel geleitet. Die Einheimischen dürfen hier schnell fahren, aber bitte lass Dich nicht hetzen. Denn wir haben hier kurze Wege. Und dieser Sprung-über-die-Bahn-Schwung hat es wirklich in sich. Auf dem Kreisel steht ein modernes Kunstwerk, und das passt da nicht nur hin, sondern ist auch noch sehr pfiffig und durchdacht. Vom Künstler Dieter Koswig gibt es noch mehr in Meldorf zu sehen, buche also bitte in Deinem Kopf jetzt das Wort ‚Kunstwerke‘. Es ist wichtig, und die Wege sind hier kurz. Wenn Du für die Notiz im Kopf ein wenig Zeit brauchst: Es ist im südlichen Skandinavien erlaubt, mehrfach um den Kreisel herum zu fahren. Wenn Du fertig bist, biege dann Richtung Museum in die Innenstadt, es ist die einzige Zufahrt zur Stadt, die ansehnlich ist.

Norderstraße

Wenn diese Anfahrt nicht klappt, weil Du vielleicht aus Büsum oder Brunsbüttel zu uns kommst, dann wird es anspruchsvoll. Entweder Du fährst an Meldorf vorbei oder Du verfährst Dich in unseren Gassen. Besonders bei Dunkelheit. Du kreist dann mehrfach um genau die Straße herum, die Du auffinden möchtest, aber Du kommst einfach nicht rein. Wir müssen an dieser Stelle die Logik bemühen, aber bleibe bitte ganz ruhig, Du bist bei uns in guten Händen (Boie, Niebuhr!) Wenn Du jemanden in der Stadt kennst, rufe sie einfach an. Sie kennt das Problem schon und wird Dich aus dem Gedächtnis an die richtige Stelle lotsen. Bitte fahre dann ganz langsam, sonst verpasst Du den Abzweig. So kurz sind hier die Wege. Und dann wirst Du auf den einzigen Parkplatz geleitet, den die Einheimische für zumutbar hält, nämlich unmittelbar neben dem Wohnzimmerfenster Deiner Gastgeberin.

… also lass Deins einfach stehen

Wenn Du niemanden kennst, dann sei bitte so gut, und stelle Dein Auto auf dem nächstbesten kostenfreien Parkplatz ab, den Du findest. Neben dem Bahnhof gibt es einen holprigen Schuttabladeplatz, der eignet sich. Und es gibt ein Nahversorgungszentrum mit Parkplätzen, die zusätzlich zum Hochbetriebsverkehr noch sämtliche Pferde der napoleonischen Armee aufnehmen können. Einfach irgendwo aussteigen. Der Weg zum Ziel ist nicht weiter als acht oder neun Minuten Fußweg entfernt. Damit hätten wir den einzigen Satz erklärt, den wir zur Vorbereitung auf einen Besuch des Städtchen benötigen: Alle Wege sind hier kurz.

Jetzt weißt Du alles, was Du über Meldorf wissen musst, bevor Du zum ersten Mal herkommst. Du musst nur noch kommen. Entweder wir haben Dich dann im Sack und Du kommst nie wieder von uns los, oder Du interessierst uns so viel wie eine Schüssel Schrauben.