Jun
30
2011
Macht das denn einen Unterschied, ob Sie das Wohnprojekt als Genossenschaft oder als Eigentum aufbauen? Ja, das macht einen Unterschied. In einem Wohnprojekt will eine Gruppe Gleichgesinnter zusmmen wohnen und engeren Kontakt pflegen als in Nachbarschaften üblich.
Geldbeutel als Teil der Gesinnung
Für Wohnprojekte in Eigentum hat sich inzwischen herausgebildet, dass Projektgesellschaften auf eigenen Grundstücken Eigentumswohnungen planen und dann die Gleichgesinnten suchen. Die Auswahl der Gleichgesinnten ist freilich auf die Gruppe derer beschränkt, die genug Geld haben, pro Quadratmeter ein paar Hunderter mehr als üblich für den schwierigen Planungsprozess zu bezahlen. Kann sich der Käufer die Raten zwei Jahre später nicht mehr leisten, bricht die Solidarität der Eigentümer zusammen: Wer arm wird, muss sich aus der Gruppe der Gleichgesinnten wieder verabschieden. Im Extremfall gehören die einzelnen Wohnungen der Bank.
Eigene Leistung als Gesinnungsmerkmal
In einem genossenschaftlichen Projekt rauft sich eine Gruppe Gleichgesinnter zunächst zusammen. Finden sich weitere Gleichgesinnte, können sie andocken. Der Besitz von Geld oder ein hohes Einkommen müssen nicht vorausgesetzt werden. Das Prinzip der sozialen Gleichheit war bei den ersten Projekten auch typisch. Ist der Platz im genossenschaftlichen Wohnprojekt knapp, gibt es eine Warteliste oder man plant ein zweites Projekt nach ähnlichem Muster.
Ausscheiden muss ein Bewohner nur dann aus dem Projekt und der Gruppe, wenn das seinem eigenen Willen und Wollen entspricht. Wenn auf der anderen Seite Wohnungen leer stehen, dann muss sich die Gruppe fragen, was sie falsch macht. Denn offenbar möchte sich niemand der Gruppe mehr anschließen.
Jun
27
2011
Die Landesweite Verkehrsgesellschaft Schleswig-Holstein LVS zähle ich inzwischen zu meinen besonderen institutionellen Freunden. Damit die Hamburger vier Minuten schneller nach Sylt fahren können und nicht zu oft in Dithmarschen halten müssen, lassen sie eigens einen Bummelzug von Itzehoe nach Heide juckeln. Das kostet ein paar Millionen extra, aber was tut man nicht alles, um seine nachbarschaftlichen Vorurteile gegen die Hinterwäldler an der südlichen Westküste zu pflegen? Na und jetzt verraten sie mir auch noch in ihrem Kundendialog, dass sie künftig einen ihrer Bummelzüge in ‘Metropolexpress’ umtaufen wollen. Ihr Schelme, setzt Euch bloß schnell Eure Tarnkappen auf, sonst wird man Euch als geborene Nachfolger des prominenten Kneitlingers enttarnen!
Mr. Dada spricht
Aber auch die Hamburger können ganz tolle neue Wörter erfinden. So entwickelte man an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften HAW das Zentrum für Praxisentwicklung ZEPRA. Nicht schlecht, denkt Specht, aber was ist das: Praxisentwicklung? Gedacht, gefragt! Aber offenbar wissen die angewandten Schaftler selber nicht, was das ist. Denn auf die naive Anfrage antwortet der angesprochene Kommunikator mit der Gegenfrage, auf welcher Grundlage ich denn fragte. Nun es fragte der Unwissende den Wissenden nach dem Wort, das der Wissende erfand. Der kritische Zeitgenosse möge jetzt nicht dem Irrtume verfallen, es handele sich um Neusprech. Nein hier sind die Tanten des Dilles am Werk, sie wollen zwar herrschen, aber können nur spielen. Sie reden nur Schwatz.
Jun
15
2011
Es ist schon ein seltsam Ding, Hitlers O-Töne zu lesen. Die Tischgespräche. Darf man Zitate aus dem Zusammenhang reißen? Wenn keiner da ist, darf man: “Es ist ein eiskaltes Vernunftproblem: Wer ist fähig zu führen? Wer auszuführen? Beide sind absolut notwendig zur Erhaltung des Ganzen. Wer zum Führen die Fähigkeit bewiesen hat, bekommt die Autorität. In keiner Stelle darf die Autorität bei dem liegen, der nicht führen kann. Praktisch gibt es ja doch bei jedem auf der einen Seite Überordnung, auf der anderen Seite Unterordnung.” Die Sätze sind kurz und einfach. Sie könnten bei dpa stehen. Oder in einem Kommentar. Und es könnte fast sein, dass sie losgelöst vom Kontext Hitler Unterrichtsstoff in meinem humanistischen Gymnasium zu Lübeck waren. Gruselt’s mich deshalb so?
Bildung statt Ethik
Jajaja, da ist ja durchaus viel von dem Stoff der humanistischen Bildung vorhanden. Immer wieder diese Frage: Warum musste die Antike untergehen? Das erinnert an die Mantelsacks meiner Tage. Und dann das: “Eine Fliege legt Millionen Eier, die alle vergehen, aber: die Fliegen bleiben.” Das ist Logik dass es eine Art hat. Ach hätten wir doch Logik gelernt in der Schule, dann hätte sogar Franz-Josef Strauß gewusst: Man kann so viele Ratten und Schmeißfliegen töten wie man schafft, aber: die Fliegen bleiben. Summen einfach weiter.
Cosima Strauß’ Kommentar
Wie würde das heute inszeniert, also die Frage mit den Fliegen? Würde er einen Kommentar von Cosima Strauß in BLA bekommen? “Lieber Adolf Hitler, einen herzlichen Glückwunsch zu Deinem Buch mit Deinen Tischgesprächen. In Dir haben wir einen geistigen Bruder. Mit Deinen Fliegen ist es wie mit Deinen Schäferhunden: sie bleiben. Sogar bei Dir, obwohl Du nach ihnen schlägst. Doch sollst Du nicht jähzornig nach ihnen schlagen. Mäßige Dich, denn schließllich wollen wir Dich als einen gütigen Führer Deiner Schäferhunde ehren. Mach ein paar Tage Urlaub. Deine Cosima Strauß!” Das sind dieselben kurzen Sätze, *grusel* Ich schreibe selbst solche Sätze. *grusel* Ich denke solche Sätze. *grusel* Ich denke, aber das bin ich nicht. Und wenn ich jetzt darüber lache, weiche ich dann einfach aus?
Jun
09
2011
Eine Ideologie ist ein Lehrgebäude, das die Welt erklärt und immer richtig ist. Die Schweizer Vontobelstiftung, die ansonsten für Gerontologieforschung zuständig ist, veröffentlicht gern derlei Ideologie-Schriften. Sie sehen aus wie Diplom-Arbeiten in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Innern reiten sie allerdings so rasant durchs Thema wie ein BILD-Reporter auf der geheimen Hochzeitsreise öffentlicher Flittchen.
Konservativ wie Karl Marx
Ein traulich ideologisches Beispiel ist der Essay “Geldsozialismus” eines privatisierenden Ex-Managers. Er will uns auf 75 Seiten das Dilemma der Weltwirtschaft erklären, und das tut er in jeder Hinsicht blendend: Er blendet so ziemlich alles aus, das zum gegenwärtigen Zustand der Weltwirtschaft beigetragen hat, und beschränkt sich auf die Quantitätstheorie des Geldes, mit der schon Karl Marx die Binnenwährungen des Sowjetsystems vorbereitet hat.
Nach der Theorie stellt man zunächst einmal fest, wie viele Güter es in Lummerland gibt und was sie kosten. Sagen wir der Einfachheit halber: 1000 Güter pro Jahr werden verkauft und haben als Preis einen Lummertaler. Jetzt kursiert in Lummerland aber nur eine Geldmenge von 20 Lummertalern. Also wird in dem Jahr jeder Lummertaler 50 Mal benutzt. Wenn Lokführer Lukas nun aus zehn Kohlen 20 neue Lummertaler macht, also die Geldmenge verdoppelt, dann verdoppeln sich auch alle Preise. Das ist die Zauberformel. Diese Formel ist gleichzeitig sehr schön, weil immer auch der Schuldige am Elend benannt werden kann: Lukas der Lokomotivführer! Um dieses Modell in die komplexe Wirklichkeit der Vontobelstiftung zu übersetzen, vewende man die Vokabeln Güter gleich Bruttosozialprodukt, Preis gleich Preisniveau und Lukas gleich Staat. Nichts weiter!
Vontobel-Autor sagt Staatssozialismus voraus
Alles Übel dieser Welt können wir einfach wieder abschütteln, indem wir einfach den Goldstandard wieder einführen. Dazu müsste man lediglich den Währungshüter verpflichten, jeden Euro in x Gramm Gold umzutauschen. So wie vor 1914, da glänzte alles schön gold. Später habe Lukas nur noch Schulden für Kriege oder für die Bestechung des Volkes mit Wohltaten gemacht. Jetzt, so der Autor der Vontobelstiftung, schliddert die ganze Welt in einen tragischen Konflikt: Entweder droht uns das Schicksal einer kommunistischen Zwangswirtschaft oder wir kehren zurück zum Paradies des 19. Jahrhunderts. Dem Leser sei geraten, sein Geld weder Vontobel noch irgend einer anderen Bank anzuvertrauen. Wir empfehlen statt dessen Direktinvestitionen in selbstverwaltete Wohnprojekte. Dann wird aus all der Tragik wieder ein Freudenfest.
Jun
04
2011
Begegnungen mit der Vergangenheit sind schon verflixt seltsam. Plötzlich steht so ein ewiger Stasispitzel vor Deiner Nase und Du spürst es im ersten Moment: “Da sind sie wieder!” Sie sind alle auf die gleiche unspektakuläre Art gleichgerichtet, dass es einem gruselt. Irgendwo ist ein Knopf, und wenn Du den drückst, dann singen sie die alten Lieder. Du bist wie geblitztdingst. Zurückgebeamt. Und wenn einem solche Leute noch ernsthaft sagen: Die Menschen in dieser Gesellschaft müssen geführt werden, dann ist das Fazit kurz: Nie wieder!
Es ist gut zu wissen, was man nicht will. Punkt.
Noch ‘ne Gebetsmühle
Kurze Zeit später die Neuauflage einer ebenfalls beerdigten Debatte. Peter Singer, der ewige Utilitarist, der die Formel gefunden, nach der man weiß, was man töten darf und was nicht: Personen darf man nicht töten, alles andere darf man schon irgendwie. Zu den Personen können auch Affen oder Meerschweinchen gehören, aussortieren darf man in einzelnen Fällen auch schon mal Menschen. In der Frage, wo die Person beginnt, soll sich Peter Singer in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben. 1989 war ihm schon ein Baby mit Retinopathia Pigmentosa zu wenig Person, bis einige dieser Un-Personen gegen ihn demonstrierten. Seine Reaktion war zweigleisig: Zum einen war ihm klar, dass er in Deutschland mundtot gemacht wird. Zum anderen begann er flammende Plädoyers zu verfassen, damit der Staat den armen schwachen Behinderten hülfe. Auch dagegen protestieren jetzt die starken Behinderten, statt dem herzensguten Peter Singer und seinen Jüngern zu danken.
Als ich zum ersten Mal von Leuten hörte, die diesen Menschen verehrten – er soll ja so sanft und zart sein, dass er vegan lebe – hoffte ich noch: Sie wollen nur mal ausprobieren, wie weit sie gehen dürfen. Sie wollen alle diejenigen vorführen, die wieder auf den Bilogimus des beginnenden 20. Jahrhunderts reinfallen. Aber nein, auch dieses Mal ist es wie immer: Es wird immer wieder derselbe Schrott neu erfunden und jedesmal ist er ernst gemeint. Mühle! Gebetsmühle!
Und die Erwischten, die es merken, schreien Zeter und Mordio: Ihr habt uns doch nur missverstanden! Tja, Leute, denn drückt Euch doch jetzt bitte mal unmissverständlich aus!